Europas Pflicht gegenüber Flüchtlingen

Vier Punkte, die bedacht werden sollten.

Die enormen Migrationsbewegungen ins Zentrum Europas beschäftigen uns alle und führen zu sehr kontroversen, mitunter emotional aufgeladenen Diskussionen. Viele Menschen fühlen sich bedroht durch Migration aus fremden Kulturen. Diese Ängste müssen angesprochen werden. Wer nach Deutschland kommt, muss sich zu den Werten und Prinzipien des Grundgesetzes bekennen.

An vielen Stellen in der Debatte kommt jedoch auch Europas Pflicht gegenüber den Flüchtlingen zu kurz. Es wird leicht übersehen, dass unsere Wohlstandsblase zu einem großen Teil auf dem Rücken der afrikanischen Länder geschaffen wurde, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen. Das wird an vier Punkten deutlich.

  1. Ein großer Pfeiler unseres Wohlstands und unserer bequemen Lebensweise beruht auf der Emission von Treibhausgasen. Der Preis dafür ist der anthropogene Klimawandel mit seinen katastrophalen Auswirkungen. Allerdings zahlen diesen Preis in erster Linie jene Länder, die am Empfindlichsten von dieser Störung des Ökosystems getroffen werden. Das sind jene Länder des Südens, die große Küstengebiete haben und stark auf Fischerei und Landwirtschaft angewiesen sind. Ein Anstieg des Meeresspiegels wird dort die Siedlungen an Küsten auslöschen und Dürren beeinträchtigen die Ernten und die Wasserversorgung. Diese Länder haben nicht die nötige Infrastruktur und die finanziellen Mittel zur Anpassung an diese Veränderungen etwa in Form von Dämmen und künstlicher Bewässerung. Der Klimawandel wird von den industrialisierten Ländern verursacht, trifft aber die Länder am schlimmsten, die am wenigsten Treibhausgase emittieren. Wir verstärken durch unsere Lebensweise die Armut und das Leid in diesen Ländern. Man könnte argumentieren, dass wir gerechterweise unsere Tore weit aufsperren müssten für Flüchtlinge aus Afrika und sie an unserem Wohlstand teilhaben lassen müssten.
  2. Ein weiteres Feld ist die europäische Agrarpolitik. Europäische Unternehmen machen gute Geschäfte in Afrika mit Spekulationen um Lebensmittel und Exporten landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Ein unschöner Nebeneffekt davon ist die Verteuerung und Verknappung von Lebensmitteln vor Ort und die Erschwerung des Lebensmittelexports für Landwirte vor Ort. Darüber hinaus fischen riesige europäische Fisch-Trawler vor den Küsten Afrikas den einfachen Fischern die Fische weg und entziehen ihnen damit die Lebensgrundlage. Auch hier erzeugen wir einen Teil unseres Wohlstands auf Kosten der Ärmsten. Kann man es ihnen verübeln, dass sie aus ihrer Not zu uns kommen? Würden wir es nicht genauso tun?
  3. In vielen Teilen Afrikas herrschen Kriege, Bürgerkriege und bewaffnete Konflikte. Akteure der Gewalt kämpfen um die Macht auf dem Rücken der Bevölkerung. Flucht ist der letzte Ausweg im Kampf ums nackte Überleben. Wo werden eigentlich die Waffen hergestellt, mit denen in diesen afrikanischen Ländern gekämpft wird? Bingo! Qualitätsprodukte aus Deutschland. Von der mexikanischen Drogenmafia bis zu den afrikanischen Kindersoldaten. Sie alle kämpfen mit deutschen Waffen. Also tragen wir eine Mitverantwortung für das Leid, das die Menschen vor diesen Kriegen nach Europa fliehen lässt. Der deutsche Arbeitsplatz ist uns lieb und teuer, aber von den Auswirkungen unserer Produkte wollen wir nichts wissen.
  4. Die reichsten Staaten Europas hatten alle zu irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte Kolonien in Afrika, die sie wirtschaftlich ausgebeutet haben. Die Beteiligung am Sklavenhandel ist nur eines der Verbrechen, derer sich diese Staaten über Jahrhunderte schuldig gemacht haben. Im Falle Deutschlands und Belgiens nahmen diese Verbrechen sogar den Charakter von Völkermord an. Nach Aufgabe der Kolonien hinterließen die europäischen Staaten häufig halbstaatliche Strukturen westlicher Prägung im Spannungsverhältnis zu den lokalen kulturellen Begebenheiten. In zahlreichen Ländern Afrikas führte das Erbe des Kolonialismus zu zerfallenden Staaten, Bürgerkriegen und Diktaturen. Auch hier trägt Europa auch heute noch die Verantwortung für den jahrhundertelangen Missbrauch Afrikas als Spielball der eigenen Interessen. Wir haben den Grundstein für das Elend der flüchtenden Menschen gelegt, jetzt können wir nicht einfach die Schotten dicht machen und sie sich selbst überlassen.


Auch Deutsche waren Flüchtlinge

Zum Schluss möchte ich daran erinnern, dass auch Deutsche zu verschiedenen Zeitpunkten Flüchtlinge und Asylanten waren. Zur Zeit der Nazi-Diktatur fanden zehntausende verfolgte Deutsche in zahlreichen Ländern der Welt Zuflucht. Der wohl prominenteste unter ihnen war Albert Einstein. In der Nachkriegszeit wurden zahlreiche Deutsche aus Osteuropa vertrieben und in Westeuropa aufgenommen. Bis 1989 flohen Deutsche aus der damaligen DDR und fanden in Westdeutschland und anderen Ländern Asyl. Die Hilfe, die den flüchtenden Deutschen widerfuhr, war ein Akt der Menschlichkeit. Und das Menschsein kennt keine Nationalitäten.

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