Die sengenden Strahlen des Sonnenkönigs

Ludwig XIV. empfängt den Dogen von Genua in Versailles 1685

Kaum ein anderer Monarch hat die Selbstinszenierung seiner Herrschaft vervollkommnet wie Ludwig XIV. Doch hinter der glanzvollen Fassade tun sich Abgründe auf.

In Lyon, der zweitgrößten Stadt Frankreichs, gibt es einen großen zentralen Platz, die Place Bellecour. Es ist ein schöner Platz mit rotem Sand ausgestreut. Ein Treffpunkt für Menschen aus der ganzen Stadt. In der Mitte des Platzes steht auf einem steinernen Podest das Reiterstandbild eines Mannes, den viele Franzosen wahrscheinlich als großen Staatsmann ansehen. König Ludwig XIV. aus dem mächtigen Herrschergeschlecht der Bourbonen wird hier als römischer Imperator dargestellt, mit Brustpanzer, Umhang, Marschallstab und Lorbeerkranz.

Ludwig XIV. im Krönungsornat
Ludwig XIV. im Krönungsornat 1701

So hat sich der König vermutlich selbst gerne gesehen. Als glorreichen Heerführer. In einem Akt der Selbstverherrlichung ließ er sich als Sonnenkönig bezeichnen und maß sich damit alle guten Attribute der Sonne an: Licht- und Lebensquell, warm und glänzend. Sein gigantischer Palast, Schloss Versailles bei Paris, zieht täglich bis zu 75.000 Besucher an. Menschen aus aller Welt wollen dem Mythos dieses Königs nachspüren.
Dieser Mythos wurde schon zu seinen Lebzeiten begründet. Der Dichter Charles Perrault verherrlichte Ludwig seinerzeit in dem Gedicht „le Siècle de Louis-le-Grand“, das Zeitalter Ludwigs des Großen,  und verglich seinen König mit dem ruhmreichen römischen Kaiser Augustus.
Ganz Europa imitierte die Modeschöpfungen und höfischen Rituale, die Ludwig sich einfallen ließ, wie das fürstlich-rituelle Aufstehen und Ankleiden, die hohen Perücken und die roten Schuhabsätze.

Der Sonnenkönig brachte seinen  Nachbarländern Krieg und Zerstörung
In der Realität, fern der höfischen Glorifizierungsrituale, wurden jene, die von den Strahlen des Sonnenkönigs getroffen wurden, zu Asche verbrannt.
Schon zu Beginn seiner Regentschaft lässt Ludwig seinen Finanzminister Nicolas Fouquet in Ketten legen, weil dieser es gewagt hatte, den König bei einem Fest auf Fouquets prächtigem Schloss Vaux-le-Vicomte zu überstrahlen.
Im Jahr 1672 lässt der König seine Truppen die Niederlande angreifen, in der Hoffnung, sich einen Teil ihres Wohlstands einverleiben zu können. In höchster Not gelingt es den Niederländern mithilfe eines Tricks, die französische Armee aufzuhalten. Sie durchstechen die Deiche und fluten damit die Landesteile, die unter dem Meeresspiegel liegen. Die französischen Soldaten begehen im Gegenzug schwere Kriegsverbrechen. Sie brennen Häuser mitsamt ihren Bewohnern nieder, töten Kinder und vergewaltigen Mädchen vor den Augen ihrer Väter.
Als 1685 Kurfürst Karl II. von der Pfalz stirbt, bietet sich Ludwig die nächste Gelegenheit, fremde Besitztümer an sich zu reißen. Ludwigs Schwägerin, Liselotte von der Pfalz, war die Schwester des verstorbenen Kurfürsten. Ein geeigneter Vorwand, um Anspruch auf das Land zu erheben. Der Pfälzische Erbfolgekrieg entbrennt für neun Jahre, im Zuge dessen französische Truppen systematisch die Pfalz verwüsten. Es galt offenbar der Grundsatz, was man nicht besitzen kann, muss man zerstören, bevor man es dem Feind überlässt. Ganze Städte werden von französischen Soldaten niedergebrannt und- niedergeschossen, wie etwa Speyer, Mannheim und Heidelberg. Dies ist der Grund, warum das Heidelberger Schloss, ein beeindruckendes Baudenkmal, heute nur als Ruine erhalten ist.

Ludwig XIV. überquert den Rhein bei Lobith am 12. Juni 1672
Ludwig XIV. überquert den Rhein bei Lobith am 12. Juni 1672

Religiöse Minderheiten wurden verfolgt und vertrieben
Auch Andersdenkende bzw. -glaubende litten unter den sengenden Strahlen des Sonnenkönigs, denn für Pluralismus hatte der Monarch keinen Sinn. Nach seinem Willen mussten alle Bürger seine Religion annehmen: den Katholizismus. Die Protestanten in Frankreich, die man Hugenotten nennt, wurden schikaniert und verfolgt. Sie wanderten in Scharen aus und viele von ihnen fanden eine neue Heimat in Deutschland. Mit der Auswanderung der Hugenotten, die oft begabte Handwerker waren, ließ der König jedoch einen nicht unbedeutenden Teil der Intelligenz und Wirtschaftskraft seines Landes ausbluten.

War Ludwig XIV. ein großer Herrscher? Was macht einen Herrscher groß? Wenn man die Größe eines Herrschers vor allem daran bemisst, welche militärischen Erfolge er zu verzeichnen hat, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse und das Wohlergehen anderer, dann kann man Ludwig sicherlich als großen Herrscher verehren. Doch eine solche Sichtweise wäre sehr egoistisch und nach heute allgemein verbreiteten Maßstäben der Ethik nicht vertretbar. Ein kritischer Blick auch auf herausragende Persönlichkeiten der Weltgeschichte ist angebracht. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

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