Extinction – Wer löscht wen aus?

Extinction befasst sich mit nicht weniger als grundlegenden Fragen des Menschseins. Ein Buch zum Nachdenken und Mitfiebern.

Hin und wieder bekommt man ein Buch zu fassen, das einen regelrecht vor den Kopf stößt, so sehr bringt es einen zum Nachdenken und zieht einen in seinen Bann. So ging es mir mit Kazuaki Takanos „Extinction“, das 2015 auf Deutsch im Bertelsmann-Verlag erschien.
Ausgangspunkt dieses Thrillers ist die Entdeckung einer neuen Spezies auf der Erde, die intelligenter ist als der Mensch. Allein dieser Gedanke ist aufwühlend und wirft unzählige Fragen auf. Und er fördert ein sehr wahrscheinliches Paradoxon für diesen Fall zu tage. Würde eine neue Spezies, die dem Menschen in ihrer emotionalen Intelligenz überlegen ist, die primitive gewalttätige Natur des Menschen sehen und ihn deswegen präventiv auslöschen wollen? Und würde der Mensch in Erwartung dieser Reaktion diese Spezies präventiv auslöschen wollen und damit die Erwartung der Spezies wiederum erfüllen?

Extinction greift ein Dilemma auf, das in der Sozialwissenschaft nicht unbekannt ist

Das klassische Gefangenen-Dilemma. Zwei Gefangene haben ein Verbrechen begangen und werden von der Polizei verhört. Wenn beide schweigen, kann die Polizei nichts beweisen. Wenn einer den anderen verrät und gesteht, erhält er eine Strafmilderung und der andere erhält die Höchststrafe. Wenn jedoch beide den jeweils anderen verraten wollen und gestehen, erhalten beide die Höchststrafe. Jede Handlungsweise birgt das Risiko, zu verlieren. Ausbrechen aus dem Dilemma kann man nur, wenn beide Parteien einander absolut vertrauen.

Ein Team aus Soldaten soll die Gefahr bannen, ohne dass sie alle Informationen haben. Gleichzeitig spinnt die neue Spezies ein erstaunliches Netz und verknüpft Menschen und Orte miteinander, um ihren Gegner aufzuhalten. So wird auch ein junger japanischer Biologe in den Kampf der Giganten hineingezogen.

Takano zeigt, dass ein Thriller auch mit wenig Gewalt packend und spannend sein kann und dabei wichtige philosophische und ethische Fragen reflektieren kann. Dabei führt er geistreich die Arroganz und Ignoranz mächtiger Politiker vor, die nicht erkennen, dass sie in genau diesem Paradoxon feststecken. Seine Charaktere wirken glaubwürdig und authentisch. An manchen Stellen muss der Leser Abstecher in die Biologie und Epidemiologie verkraften, aber das tut der Qualität und dem Lesefluss keinen Abbruch.

Extinction ist ein was-wäre-wenn-Gedankenspiel über die Natur der menschlichen Psyche, das die Hybris der menschlichen Rasse entblößt und dabei mit den Protagonisten durchgehend mitfiebern lässt. Rund 560 Seiten Lesefreude.

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