Interview mit einem Callboy – „Die traditionelle Ehe ist eine Form von Bezahlen für Sex“

Wandmalerei, Paestum, 480 v.Chr.

Devon Delacroix leistet sexuelle Dienste für Männer gegen Geld. Auf seinem Blog schreibt er über seine Erfahrungen aus jahrelanger Arbeit als Sex-Arbeiter. Stupor Mundi sprach mit Devon über seine Arbeit und über die Kontroversen, die das Thema Prostitution in der Gesellschaft auslöst. (Englischer Originaltext unten)

Stupor Mundi: Devon, deine Arbeit besteht darin, die erotischen Phantasien von anderen Männern zu erfüllen. Warum hast du diese Arbeit gewählt?
Devon Delacroix: Sex-Arbeit ist eines meiner Arbeitsverhältnisse, aber es ist nicht das einzige, was ich mache. Ich habe mehrere Jahre als professioneller Schriftsteller und Künstler gearbeitet, bevor ich mit der Sex-Arbeit angefangen habe, und ich mache beides bis heute.
Ich habe vor ungefähr zehn Jahren mit Sex-Arbeit angefangen als eine Art Experiment. Ich hatte etwas Startprobleme, als ich von der Universität kam, und hatte einiges an Schulden angesammelt, während ich versuchte, in meinen anderen Feldern Fuß zu fassen. Ich hatte einen Freund, der in seinen 40ern war, und ich dachte, wenn er das machen kann, vielleicht könnte ich es auch machen. Es war nichts, worüber ich zuvor nachgedacht hatte, aber ich nehme an, er inspirierte mich dazu, es auszuprobieren.
Nach zwei Monaten hatte ich alle meine Schulden abbezahlt und ich bemerkte zu meiner Überraschung, dass es mir tatsächlich Spaß machte. Also machte ich weiter. Bisher war es eine großartige Ergänzung meines Einkommens in den anderen Feldern, in den denen ich tätig bin, und ich habe nicht vor, bald damit aufzuhören.
Über die Entscheidung, diese Arbeit aufzunehmen, habe ich einen Blogbeitrag verfasst.

Stupor Mundi: Also kannst du von dem leben, was du als Sex-Arbeiter verdienst?
Devon Delacroix:
Ich beziehe mein Einkommen aus verschiedenen Quellen. Sex-Arbeit ist ein Teil davon, aber ich verdiene auch Geld als Schriftsteller, als Künstler, als Kurator und als gelegentlicher Gastdozent an verschiedenen Universitäten. Ich nehme an, wenn ich ein Sex-Arbeiter in Vollzeit sein wollte, könnte ich ein Vollzeit-Einkommen damit verdienen. Aber es gibt andere Dinge, die ich mit meinem Leben anfangen will. Es ist eine interessante Arbeit, die die finanziellen Lücken zwischen meinen anderen Tätigkeiten füllt. Doch die Tatsache, dass es mir weiterhin Spaß macht, führe ich darauf zurück, dass ich es bei dieser Quantität belasse, anstatt dem 100 Prozent meiner Zeit beizumessen.

Stupor Mundi: Hast du irgendwelche Altersvorsorge getroffen? Was ist dein Plan für den Ruhestand?
Devon Delacroix:
Männliche Sex-Arbeiter können überraschend lange tätig sein. Ich kenne persönlich drei Typen über fünfzig und zwei Typen über sechzig, die weiter tätig sind.
Ich weiß nicht, ob es etwas ist, das ich so lange machen will, oder ob es noch angebracht sein wird, je nachdem wie das Geschäft sich entwickelt. Höchstwahrscheinlich werde ich in den nächsten paar Jahren reduzieren, das heißt meine regelmäßigen Kunden weiterhin treffen, aber keine neuen mehr annehmen. Was den formalen Ruhestand angeht, das heißt Arbeit komplett aufgeben und ein Leben in Müßiggang führen, dafür bin ich nicht gemacht. Wahrscheinlich werde ich irgendeine Arbeit machen solange ich körperlich dazu in der Lage bin, ob es Sex-Arbeit ist oder etwas anderes.

Stupor Mundi: Wenn du auf deine Erfahrungen als Sex-Arbeiter zurückblickst, welches war deine unangenehmste Kundenerfahrung und welches war deine schönste Kundenerfahrung?
Devon Delacroix:
Es ist schwierig, eine bestimmte Erfahrung aufzugreifen, weil ich es schon so lange mache. Allgemein gesagt sind die Treffen für mich persönlich am schönsten, bei denen ich das Gefühl habe, dass ich mit jemandem wirklich eine Verbindung aufbaue und eine zufriedenstellende Erfahrung bereite.
Die Kunden, die eher nicht trainieren, sind diejenigen, die mich nicht als Menschen sehen wollen und die keine Rücksicht nehmen auf meine eigene Psyche oder Wünsche.

Stupor Mundi: Wenn du einen Kunden triffst, leistest du einen Dienst. Wie beeinflusst das dein Privatleben? Erlebst du Verliebtsein und Romantik außerhalb deiner Arbeit?
Devon Delacroix:
Sex-Arbeiter haben definitiv Dates und Beziehungen, obwohl es der Situation eine neue Ebene der Komplexität hinzufügt. Ich denke, die große Frage ist nicht so sehr, ob es möglich ist, Beziehungen zu haben, sondern  an welchem Punkt du jemandem, mit dem du ausgehst, erzählen willst, dass du Sex-Arbeit machst.
Ich bin mit Kerlen ausgegangen, die kein Problem damit hatten. Ich bin mit Kerlen ausgegangen, die nie wieder mit mir reden wollen, seit sie es herausgefunden haben. Ich bin mit Kerlen ausgegangen, die zu Beginn kein Problem damit zu haben schienen, doch dann nach und nach sich entfernen, weil sie damit nicht umgehen können.
Darüber schreibe ich mehr hier.

Stupor Mundi: Die dänische Feministin Tanja Rahm veröffentlichte ein Buch über ihre Zeit als Sex-Arbeiterin. Darin sagt sie, dass sie es gehasst hat. Sie behauptet, dass es keine Rechtfertigung dafür gebe, Sex für Geld zu kaufen. Ihre These: Sex-Arbeiterinnen gibt es nur, weil es Männer mit frauenverachtendem Weltbild gibt. Die deutsche Feministin Alice Schwarzer behauptet, dass keine Frau ihre Arbeit als Sex-Arbeiterin genieße. Gibt es freiwillige Sex-Arbeit? Gibt es einen Unterschied zwischen männlicher Sex-Arbeit und weiblicher Sex-Arbeit?
Devon Delacoix:
Ich denke, es ist gefährlich und -offen gesagt- unterdrückend und antifeministisch, zu sagen, dass du Entscheidungen und Lebenserfahrungen eines anderen verstehen kannst, ohne in dessen Körper gelebt zu haben. Ich kenne Rahms Werk nicht so gut, aber ich habe viele Freundinnen, die Sex-Arbeit gemacht haben und die Schwarzers Behauptungen über ihre Erfahrungen -ohne je mit ihnen gesprochen zu haben- vehement widersprechen würden.
Abgesehen davon, denke ich, dass es einen Riesenunterschied dazwischen gibt, ob man ein Mann oder eine Frau im Sex-Geschäft ist. Und natürlich trans zu sein vs. nicht-tans zu sein. Daher fühle ich mich nicht in der Position, viel über die Unterschiede zu sagen und darüber, wie es für jemand anderen ist als für mich. Letztendlich kann ich mit Bestimmtheit nur über meine eigene Erfahrung sprechen, die eine Abfolge von bewussten Entscheidungen war, darüber, wie ich die Tätigkeit angehe.
Was ich sagen kann ist, dass ich in den Jahren in denen ich in diesem Geschäft war, Menschen getroffen habe -sowohl Männer als auch Frauen-, die aus freien Stücken damit angefangen haben und es für eine Weile gerne gemacht haben, doch jetzt in etwas feststecken, das sie nicht machen wollen, nur weil sie nicht sicher sind, wie sie zu einer anderen Arbeit übergehen können, die ihnen das gleiche Einkommensniveau bieten könnte. In dem Fall denke ich, Menschen verdienen es, Optionen zu haben, über einen Weg, um zu einer anderen Karriere überzugehen. Doch es muss aus eigener Entscheidung geschehen und nicht als Ergebnis irgendeines selbsternannten Retters, der herab saust, um sie vor sich selbst zu retten.

Stupor Mundi: Wenn es an dir wäre, die Gesetze über Sex-Arbeit zu überarbeiten, wie würdest du diesen Beruf gesetzlich regulieren? Wie sollten die Rechte und Pflichten von Sex-Arbeitern reguliert werden, um die Gesundheit aller Beteiligten zu gewährleisten und um Zwangsprostitution zu verhindern?
Devon Delacroix:
Ich wünschte, ich hätte eine gute Antwort auf diese Frage. Ich glaube nicht, dass ich auf der Welt auch nur eine Regierungsintervention im Sex-Geschäft gesehen habe, die den Sex-Arbeitern geholfen hat. Ich würde sie gerne sehen, falls jemand eine kennt. So sehr Politiker gerne die Dienste von Sex-Arbeitern in Anspruch nehmen, so grundsätzlich missverstehen sie, was wir brauchen und so schlecht stellen sie sich dabei an, es uns zu bieten.
Ich denke, das ist Teil eines größeren Problems damit, wie die Gesellschaft Sex-Arbeit sieht und welche Panik sie auslöst. Der wahre Grund, warum Menschen Sex-Arbeit hassen und warum sie sie in ihren Gemeinden auslöschen wollen, hat nichts damit zu tun, schwache Menschen zu schützen. Sex-Arbeit ist entsetzlich für die Gesellschaft, weil sie die transaktionale Natur der traditionellen Ehe aufdeckt. Diese ist nämlich -ob es die Leute zugeben wollen oder nicht- eine Form von Bezahlen für Sex. Bevor sie die Realität ihres eigenen Lebens zugeben, greifen die Menschen lieber andere an, die die Wahrheit entblößen. Denn es ist leichter, die Wahrheit nicht zu sehen, als sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Was die Frage nach der Gesundheit betrifft, jeder Sex-Arbeiter, den ich kenne, lässt sich regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten testen und weiß, wie man sich schützt. Von Natur aus legt dieses Geschäft diese Bürde den Sex-Arbeitern auf. Doch es ist etwas, das von allen Menschen geteilt werden muss.
Sich eine Geschlechtskrankheit zuziehen, ist kein Verbrechen und die meisten davon heilen leicht ab, solange man sie im frühen Stadium erkennt und die Person Zugang zu medizinischer Versorgung hat. Ich bin der festen Überzeugung, dass Gesundheitsversorgung ein Menschenrecht ist und dass die Menschen in der Lage sein sollten, die Behandlungen zu bekommen, die sie brauchen. Das beinhaltet Mediziner, mit denen die Menschen ehrliche Gespräche führen können darüber, wo man sich testen lassen und behandeln lassen kann, und Behandlungen in einer nicht urteilenden Umgebung.
Wenn es um Zwangsprostitution geht, denke ich, dass man sie nicht ganz auslöschen können wird. Aber gesetzestreue Sex-Arbeiter und ihre Kunden einzusperren ist kein Weg, dieses Problem zu lösen. Für nahezu jeden anderen Geschäftsbereich haben wir alle möglichen Arten von Büchern und Internetseiten geschaffen, um sicherzustellen, dass die Leute Produkte und Dienstleistungen, die sie wollen, auf ethische Weise bekommen. Wenn wir das für fairen Handel und Produkte aus ethisch einwandfreien Quellen machen können, dann können wir das sicherlich für Sex-Arbeiter machen. Doch noch einmal, die Panik, die Sex-Arbeit bei den Menschen hervor ruft, zwingt sie, im Untergrund zu existieren. Und ob es nun Drogen, Sex oder Glücksspiel oder sonst was ist, solange ein Geschäft gezwungen ist, im Untergrund zu agieren, wird es der ideal Ort sein, um Menschen auszubeuten.

Stupor Mundi: Wir danken für das Gespräch.

http://www.dailyxtra.com/blogs-and-columns/hard-labour

Twitter @DevonDelacroix

 

English original text

Stupor Mundi: Your job is to fulfil the erotic phantasies of other men. Why did you choose this job?
Devon Delacroix:
Sex work is one of my jobs but it’s not the only thing I do. I was working professionally as a writer and artist for several years before I started in the sex business and continue to do both. I began doing sex work about ten years ago as I sort of experiment. I had been struggling a bit when I first finished university and had built up some debt while I was working to establish myself in my other fields. I had a friend who was in his 40’s and I thought if it was something he could do, maybe I could do it too. It was never something I had thought about before but he inspired me to try it I suppose.
After two months I had paid off all my debt and discovered to my surprise that I actually enjoyed it, so I continued. So far, it has been a great compliment to my income in the other fields I work in and I have no plans to stop any time soon.
I write about my decision to enter the business in a lot of detail in this column.

Stupor Mundi: Can you live from what you earn as a sex worker?
Devon Delacroix:
I make my living from a combination of sources. Sex work is part of it, but I also make money as a writer, as an artist, a curator, and as occasional guest professor at different universities. I suppose if I wanted to be a „full-time“ sex worker, I could make a full-time living from it, but I have other things I want to do with my life. It’s interesting work that fills in the financial gaps between my other jobs, but the fact I’ve been able to continue to enjoy it is because I keep it in that position, rather than having it take over 100% of my time.

Stupor Mundi: Have you made any retirement provisions? What is your plan for when you grow old?
Devon Delacroix:
Male sex workers can have a surprisingly long life span. I personally know three guys in their fifties and two guys in their sixties who continue to work. I don’t know if it’s something I will want to do for that long or whether it will still be viable depending on how the business shifts. Most likely I will cut back in the next few years, continuing to see my regular clients, but not taking on any new people. In terms of a formal retirement -giving up work entirely and taking on a life of leisure- that’s not in my blood. Most likely I’ll be doing some form of work as long as I’m physically able, whether it’s sex work, or something else.

Stupor Mundi: If you look back on your experiences as a sex worker, which was your most uncomfortable client experience and which was your most pleasant client experience?
Devon Delacroix:
It’s difficult to isolate either of those as singular experiences since I’ve been doing if for so long. In general, I would say the sessions that are the most pleasurable for me personally are the ones where I have a sense that I’m really connecting with someone and giving them a satisfying experience.
The clients that don’t tend to work are the ones who don’t want to see me as a human being and have know regard for my own psychology or desires.

Stupor Mundi: When you meet a client you provide a service. How does that influence your personal life? Do you experience romance apart from your business?
Devon Delacroix:
Sex workers certainly date and have relationships, though it adds another level of complexity to the situation.
I think the big question isn’t so much whether it’s possible to have a relations but at what point you want to tell someone you’re dating that you do sex work as a job. I’ve dated guys who had no problem with it. I’ve dated guys who never want to talk to me again when they find out. I’ve dated guys who seem okay with it and the beginning, but then gradually pull away because they can’t handle it.
I talk about this in more detail here.

Stupor Mundi: The Danish feminist Tanja Rahm published a book about her time as a sex worker. In it she states she hated it and claims that there is no justification in buying sex for money. Her thesis: sex workers exist only because there are men with a degrading views on women. The German feminist Alice Schwarzer claims that no woman enjoys her business as a sex worker. Does voluntary sex work exist? Is there a difference between male sex work and female sex work?
Devon Delacroix:
I think it’s dangerous -and frankly oppressive and anti-feminist- to suggest that you can understand anyone’s decisions and life experiences without having lived in their body. I don’t know Rahm’s work that well, but I have plenty of female friends who have done sex work who would vehemently contradict the claims Schwarzer is making about their experiences, without ever having met or spoken with them.
That said, I think there are huge differences between being a man and being a woman in the sex business. And of course being trans versus being non-trans and so I don’t feel like I’m in a position to say much about what the differences are or what it’s like for anyone else other than me. Ultimately I can only speak with authority about my own experience which has been a series of conscious decisions in how I’ve gone about operating in the business.
What I can say, is that in the years I have been in the business I have encountered people (both men and women) who started voluntarily and enjoyed it for a while, but are now stuck doing something they don’t want to do because they aren’t sure how to transition to other work that’s going to offer them a similar level of income. In that case, I think people deserve to have options for a way to move on to another career, but it needs to be by choice and not the result of some self-proclaimed saviour swooping in to „save“ them from themselves.

Stupor Mundi: If you were to reshape law on sex work, how would you regulate this profession? How should the rights and duties of sex workers be regulated to ensure the health of all parties involved and to prevent forced prostitution?
Devon Delacroix:
I wish I had a good answer to this question. I don’t think I’ve seen a form of government intervention in the sex business anywhere in the world that has served to benefit sex workers -though I’d love to hear of one if anyone else has seen it-. As much as politicians enjoy soliciting the services of sex workers, they fundamentally don’t understand what we need and don’t do a good job of offering it.
I think this is part of a larger problem with how society views sex work and the panic it causes. The real reason people hate sex work and want to stamp it out in their communities has nothing to do with protecting vulnerable people. It’s because sex work is terrifying to society because it reveals the transactional nature of traditional marriage, which whether people want to admit it or not, is a form of paying for sex. Rather than admit the reality of what their lives are, people would rather attack others who point out those truths because it is safer not to see them rather confront them head on.
In terms of the question of health, every sex worker I know gets regular STI checks and understands safer sex practices. By its nature, the business puts the majority of this burden on sex workers, but it’s something that needs to be shared by the rest of the population. Contracting an STI is not a crime and most of them clear-up easily as they long as they are caught in the early stages and the person can access treatment. I’m a firm believer in the idea that health care is a human right and people should be able to access the services they need. That includes health care professionals people can have honest conversations with who can provide testing and treatment services in a nonjudgmental environment.
As far as forced prostitution, I don’t think there is a way to stamp this out entirely. But arrested law abiding sex workers and their clients is not a way to solve this problem. For nearly every other business we have all sorts of books and websites designed to ensure people are getting what they product or service they want in ethical ways. If we can do that for fair trade and ethically sources products, we could certainly do it for sex work. But again, the panic sex work causes in people forces it to exist underground. And whether it’s drugs, sex, gambling, or anything else, as long as a business is forced to operate underground it will be prime place for people to be exploited.

Stupor Mundi: Thank you for talking to us.

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Twitter @DevonDelacroix

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