Die Festung – Eine Kurzgeschichte über die Belagerung der Hohenburg in Homberg

Homberg (Efze), Stich von Matthäus Merian 1655

Im Dreißigjährigen Krieg ereilt die Stadt Homberg an der Efze eine Katastrophe als im Jahr 1636 kaiserliche Truppen die Stadt besetzen. Die Bürger verschanzen sich darauf hin in der Hohenburg. Diese Kurzgeschichte erzählt vom Überlebenskampf der Homburger und von der unglücklichen Brunnenmagd, die das Schicksal der Bürger besiegelte.

 

Die Festung

Es begann mit einer Staubwolke am Horizont. Schon vor Tagen trafen die ersten Nachrichten von Bauern aus der Umgebung ein, dass das kaiserliche Heer sich näherte. Nun, da die Stadtwachen von ihren Posten in den Türmen und auf den Mauern der Stadtbefestigung den rauen Staub sich über die Felder wälzen sahen, konnten sie nur ahnen, welche Katastrophe sich hier langsam und unscheinbar, jedoch unverkennbar anbahnte.

Eine Abordnung der Stadtwache informierte sofort den Bürgermeister und den Stadtrat. Die Glocken sämtlicher Kirchen wurden geläutet. Die Bürger der Stadt Homberg rafften hastig ihre Wertsachen zusammen. Was sie nicht mitnehmen konnten, versteckten oder vergruben sie. Gepökeltes Fleisch, Eier und Getreide wurde in Beutel gepackt und auf Karren verladen. Tafelsilber, Salz und Werkzeuge landeten unter Dielen und Misthaufen. Zu Fuß, auf Pferden, mit Karren und mit allerlei Tieren machte sich der Zug der Bürger auf den Weg zur Hohenburg, die trutzig auf einem Berg über der Stadt thronte. Hier würden sich die Untertanen des Kaisers vor dessen Truppen verschanzen, in der Hoffnung, dass ein Entsatzheer die Stadt befreien würde, bevor die Vorräte ausgingen. Denn auf die Gnade des Kaisers konnten Sie nicht hoffen, da dieser in ihnen keineswegs seine Untertanen sah, sondern schlichtweg den Feind.

Die Staubwolke wurde immer breiter. Bald verwandelte sich die Wolke in viele kleine Figuren, die den Horizont bedeckten. Prächtige bunte Fahnen mit dem doppelköpfigen schwarzen Adler wurden sichtbar. Schleichend langsam umschwappte das kaiserliche Heer die Stadt. Bald umgab sie zu allen Seiten ein Meer aus Männern in bunten Landsknechttrachten, Reitern mit großen Hüten, Fahnenträgern, Musikanten und Versorgungswagen. Es waren rund 13.000 Mann. Man hätte es für ein riesiges Volksfest halten können, wäre der Grund ihrer Anwesenheit nicht ein todernster. Sie waren gekommen, um ein Ritual zu vollziehen, das sich so oder so ähnlich bereits in unzähligen anderen Städten im Deutschen Reich vollzogen hatte. Der Anführer des Heeres, General Graf Johann von Götzen, ließ durch einen Boten eine Kontributionsforderung an den Kommandanten der Hohenburg und den Bürgermeister von Homberg überbringen. Diese war, wie so oft, viel zu hoch, als dass die Stadt sie hätte erfüllen können. Nun traf Homberg nicht nur das große Unglück, als Stadt der Landgrafschaft Hessen der befeindeten Protestantischen Union anzugehören, sondern auch noch die Stadt zu sein, in der 1526 auf einem Landtag die Einführung der Reformation in Hessen beschlossen worden war. Die Bürger der Stadt konnten sicher sein, dass der zum Katholizismus konvertierte General von Götzen seinen Truppen keine Zurückhaltung bei der Plünderung und Verwüstung ihrer Stadt auferlegen würde.

Aber noch bestand Hoffnung. Landgraf Moritz hatte die Hohenburg vor über zwei Jahrzehnten verstärken lassen und einen 150 Meter tiefen Brunnen errichten lassen. Jetzt drängten sich 3.000 Menschen aus der Stadt und dem Umland innerhalb ihrer Mauern. Im Hof tappten Gänse, Schweine, Ziegen und Pferde durcheinander. Im Bergfried und in den Verwaltungsgebäuden kauerten sich Familien in allen Ecken und Winkeln. Auf der Außenseite der dicken Mauern rankten sich Dornenbüsche über den kalten Stein. Ein Graben umgab die Festung, in dem spitz zugehauene Baumstämme in den Boden gerammt waren. Für den Moment waren diese Hindernisse für die Belagerer unüberwindlich. Hilflos mussten die Menschen in der Burg durch die Fenster und Schießscharten mit ansehen, wie die kaiserlichen Truppen über ihre Stadt herfielen, die Häuser plünderten und anzündeten. Der Glanz der blühenden Handwerker- und Händlerstadt wich der hemmungslosen Gewalt des Krieges.

Unter den Menschen in der Burg befand sich eine junge Magd, die dem Hausgesinde eines Homberger Händlers angehörte. Die junge Frau hatte nicht viel von der Welt gesehen. Sie war froh, einen Platz in einem angesehenen Hause gefunden zu haben und bisher von den Schrecken des nun seit fast zwei Jahrzehnten währenden Krieges verschont geblieben zu sein. Pflichtbewusst und treu verrichtete sie auch in dieser Notlage ihre Aufgaben und holte aus dem Brunnen das Wasser für ihren Herrn und dessen Familie. Zweimal am Tag schleppte sie das Wasser in Eimern vom Brunnengebäude in die Stube im Palas, wo sich ihr Herr eine Kammer mit einer anderen wohlhabenden Familie teilte. Schlafen musste sie mit dem restlichen Gesinde und den Tieren im Hof, wo der Kot und der Gestank den üblichen Dreck in den Straßen der Stadt schon nach kurzer Zeit bei weitem übertraf. Ein Lichtblick in dieser schweren Zeit der Prüfung war einer der Pferdeknechte. Wenn die Schreie von den Mauern gellten und das Stöhnen und Raunen der eingepferchten Menschen im Hof auf sie eindrückte, beobachtete sie ihn bei der Arbeit. Sie liebte es, wie er die Pferde durch sanftes Streicheln und Zureden beruhigte. Gerne wäre sie ihm näher gekommen und hätte seine Hand auf ihrem Körper gespürt. Bei jedem Gang zum Brunnenhaus traf sie ihn und schenkte ihm inmitten der sie umgebenden Verzweiflung ein Lächeln. Dann glänzten seine Augen und für einen Moment flüchteten beide in die Phantasie eines gemeinsamen Lebens, irgendwann, irgendwo.

The_Hanging_by_Jacques_CallotDoch die Realität des Krieges holte sie schnell wieder ein. Inzwischen hatten die kaiserlichen Truppen 18 Geschütze am Fuße des Burgberges und auf dem nahe gelegenen Stellberg aufgestellt. Von diesen Positionen aus begannen sie, die Festung zu beschießen. Tag und Nacht donnerten die Kanonen und prallten die Kugeln gegen die Mauern. Die Kugeln rissen Löcher in die Dächer der Wohnstuben. Einigen Unglücklichen zerfetzten sie die Glieder. Die junge Magd drückte sich bei ihrem Gang zum Brunnenhaus an die Mauern der Innengebäude, um nicht getroffen zu werden. Einmal krachte ein Geschoss direkt neben ihr in die Wand, sodass sie vor Schreck hinfiel. Unbeholfen versuchte sie, sich aus dem Dreck wieder aufzurichten. Da ergriffen sie zwei Hände und zogen sie hoch und zur Seite. Es war der Pferdeknecht. Für einen Moment sahen sie einander sprachlos an. Sie war zu aufgeregt, um ein Wort herauszubringen. Er hätte es in dem Getöse ohnehin nicht gehört. Sie hastete weiter, um ihren Pflichten nachzukommen. Doch die beherzte Hilfe ihres Helden gab ihr Hoffnung und Kraft für den nächsten Tag.

Nach circa 600 Schüssen gab die Außenmauer der stolzen Festung Hohenburg nach und zerbarst. Eine große Bresche klaffte in der Südwestmauer und bot den Angreifern eine Möglichkeit zum Einfall. Ein Aufschrei ging durch die Burg. Sofort machten sich alle verfügbaren Hände daran, Schutt und Geröll in die Bresche zu schaufeln und sie, so weit es ging, zu versiegeln. Doch jedem war klar, dass ein direkter Angriff der feindlichen Übermacht durch die Bresche nur noch eine Frage der Zeit war. Die Frauen in der Burg versammelten sich um den Pfarrer, um gemeinsam mit ihm zu beten. Die Männer bewaffneten sich mit Musketen und Piken und verschanzten sich hinter dem Geröll in der Bresche. In ihrer Mitte platzierten sie eine Flagge mit dem Wappen der Landgrafschaft Hessen-Kassel, dem rot-weiß gestreiften gekrönten Löwen auf blauem Grund. Sie waren fest entschlossen, um ihr Leben zu kämpfen und die Stellung zu halten. Es dauerte nicht lange, bis die schwarzen doppelköpfigen Adler sich bedrohlich auf sie zu bewegten. Die kaiserlichen Truppen hatten sich ebenso um Flaggen gruppiert und stürmten den Berg hinauf. Pikeniere voran. Musketiere ließen von der Seite ihre Kugeln auf die Bresche hageln. Die Todesangst stand den Verteidigern in den Gesichtern. Mehrere von ihnen wurden von Kugeln getroffen und stürzten zu Boden. Doch die Verteidiger schossen ihrerseits erbittert auf die Angreifer hinab. Wut, Angst und Tränen zeichneten die Gesichter der Männer. Bald war die Bresche in den Rauch der Musketen eingehüllt, der die Sicht vernebelt. Der Lärm des Kampfes wurde leiser. Voller Anspannung harrten die Eingeschlossenen aus. Dann verzog sich der Rauch und sie stellten fest, dass die Angreifer sich zurückgezogen hatten. Mehr noch, immer deutlicher nahmen sie wahr, dass das kaiserliche Heer sich im Abzug aus Homberg befand. Erleichterung breitete sich aus. Für den Moment waren sie dem Untergang entronnen. Doch hatten sie für diesen Erfolg einige ihrer Brüder, Väter und Söhne lassen müssen. Sie räumten die Leichen beiseite. An eine Bestattung war noch nicht zu denken.



Die junge Magd stellte erleichtert fest, dass der Pferdeknecht den Angriff überlebt hatte. Nur flüchtig konnte sie ihn sehen als er von der Bresche zu einem neuen Posten auf der Mauer geschickt wurde und über den Hof lief. Ihre Blicke trafen sich kurz und da war wieder einer dieser kurzen Momente der Hoffnung und der Kraft. Mit diesem erhebenden Gefühl im Herzen ging sie zum Brunnen und holte das Wasser für ihren Herrn. Angestrengt zog sie den vollen Eimer aus der Tiefe. Die Steine der Brunneneinfassung und die Seile und Halterung des Eimers waren glitschig nass. Sie beugte sich vor, um den Eimer vom Seil zu lösen. Da rutschten ihre Finger ab. Sie verlor den Halt und stürzte in die Tiefe. Nur ein erstickter Schrei war zu hören, dann nichts.

Die Mägde und Knechte im Raum stürmten zum Brunnen und blickten entsetzt hinab. Doch es rührte sich nichts. Der Bürgermeister, der Garnisonskommandant und die wohlhabenden Bürger wurden geholt. Sie alle starrten auf den Brunnen und in ihren bleichen, ausgezehrten Gesichtern stand das blanke Entsetzen. Sie hatten in den letzten Tagen viele Leute verloren. Doch der Sturz der Magd bedeutete den Untergang für sie alle. Das Wasser des Brunnens war durch die Leiche der jungen Frau untrinkbar geworden und der nächste Brunnen lag unterhalb des Berges, außerhalb der Burg. Ohne frisches Wasser konnten sie nicht überleben. Neben den edlen Herren hatte sich unbemerkt am Rand des Raumes ein junger Mann in der einfachen Kleidung eines Knechts gestellt, der nun mit roten Augen ungläubig auf den Brunnen starrte. Es war der Pferdeknecht.

Die Menschen in der Burg versuchten, Nachts heimlich Wasser aus dem Brunnen am Fuße des Bergs zu holen. Doch die kaiserlichen Truppen bekamen Wind davon und kehrten zurück. General von Götzen ließ Tierkadaver in den Brunnen werfen. In ihrer Not tranken einige Bürger trotzdem aus den vergifteten Brunnen und erkrankten tödlich. Die Leichenberge in der Burg wurden größer und die Verwesungszustände wurden in diesen heißen Julitagen unerträglich. Die Burg konnte nicht länger gehalten werden. General von Götzen gewährte der Garnison in Anerkennung ihrer tapferen Verteidigung freien Abzug. Von der weiterhin eingeschlossenen Zivilbevölkerung forderte er 10.000 Taler an Kontributionen, welche die ausgeplünderten und ausgehungerten Bürger selbstverständlich nicht hatten und auch nicht irgendwie aufbringen konnten. Nach Monaten größter Not und größten Elends in der Burg sahen die verbleibenden kaiserlichen Truppen schließlich ein, dass hier nichts mehr zu holen war. Sie zogen ab, nicht ohne vorher in der Burg und der Stadt alles, was brennbar war und noch nicht verbrannt war, anzuzünden.

Der Krieg hatte bekommen, wonach er gierte. Nun wälzte er sich weiter zum nächsten Ort. Zurück ließ er nur Asche und Tränen.

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