Fünf Stunden Arbeit am Tag bringen mehr als acht

Die Wolgatreidler, Ilia Efimovich Repin, 1870

Der 8-Stunden-Arbeitstag gilt bei uns als Standard. Vieles Spricht dafür, diesen Standard zu hinterfragen und die Standardarbeitszeit zu verringern.

Als Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) gleich zu Beginn der Legislaturperiode den Vorschlag unterbreitete, eine 32-Stunden-Woche für Eltern zu fördern, wehte ihr heftiger Gegenwind von den Arbeitgeberverbänden und den Unionsparteien entgegen. Der Gedanke dahinter war, dass in Zeiten von zunehmenden Wohlstandskrankheiten wie Burn-Out und Depressionen mehr Freiraum zur Erholung geschaffen werden sollte. Auch in Anbetracht rückläufiger Geburtenraten und einer zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen sollte hier die Familie gestärkt werden.
Die Wirtschaftsverbände sahen hier vor allem einen unerwünschten staatlichen Eingriff in den Arbeitsmarkt und konterten, es gebe bereits ausreichende Arbeitszeitmodelle. Die Idee wurde letztendlich auch von der Bundeskanzlerin abgewiesen und war damit gestorben.

Doch wie steht es bei den Deutschen um die Arbeit-Leben-Balance, die sogenannte Work life balance? Ist es wirklich so leicht, sich das Arbeitszeit-Modell zu greifen, das die eigenen Bedürfnisse nach sozialem und familiärem Leben befriedigt, wie es die Wirtschaftsverbände suggerieren? In einer Forsa-Umfrage unter Fach- und Führungskräften gaben immerhin  87 Prozent an, dass sie flexible Arbeitszeiten für ein wichtiges Angebot des Arbeitgebers halten. Eine Online-Befragung von Community Life ergab, dass jeder Dritte meint, dass eine gute Balance zwischen Arbeiten und Leben ihrem Unternehmen völlig egal ist.

Eine verringerte Arbeitszeit kann überraschend gute Auswirkungen auf Mensch und Unternehmen haben

Dass eine geringere Arbeitszeit tendenziell positive Auswirkungen auf Arbeitnehmer und auch auf das Unternehmen hat, zeigen Experimente aus den skandinavischen Ländern, die in solchen Dingen schon immer sehr innovativ waren. So hatte Finnland zwischen 1996 und 1998 eine 30 Stunden-Woche eingeführt. Dies führte nicht nur dazu, dass die Menschen mehr Zeit für Familie, Freunde, soziales Engagement und Fitness hatten. Es schaffte auch zum ersten Mal gleiche Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt für Männer und Frauen. Wenn mehr Frauen in immer gleicherem Maße Anteil am Arbeitsmarkt haben, verringert das auch die Kinderarmut. Diese Korrelation lässt sich aus den offiziellen OECD-Zahlen für Dänermark ablesen. Demzufolge hat Dänemark nicht nur die geringste Kinderarmutsrate der Welt, sondern auch die beste Arbeit-Leben-Balance.
Im schwedischen Göteborg experimentieren Betriebe seit einiger Zeit mit einer 30-Stunden-Woche. Dies führte dazu, dass die Angestellten weniger erschöpft, aufmerksamer, weniger krank und somit produktiver waren. Teilweise mussten zwar zusätzliche Kräfte eingestellt werden. Doch die steigenden Gewinne durch die erhöhte Produktivität der Mitarbeiter überwiegen in allen Fällen die steigenden Personalkosten.
Wissenschaftliche Studien haben in diesem Zusammenhang ergeben, dass die durchschnittliche Leistungskurve des Menschen ohnehin bei 4-5 Stunden pro Tag liegt. Arbeitet er darüber hinaus, fallen die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit sowie die Produktivität rapide ab. Ab einer Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche nimmt die Produktivität und Qualität der Arbeit insgesamt enorm ab und die Gesundheitsrisiken steigen. Das erklärt, warum mehrere Teilzeitmitarbeiter mitunter produktiver sind als ein Vollzeitmitarbeiter. Unsere Vorstellung vom standardmäßigen Arbeitstag von 8 Stunden entspricht also gar nicht so sehr der Natur des Menschen.

Fazit: eine reduzierte Standardarbeitszeit wirkt sich positiv aus für den Menschen, die Familie und die Wirtschaft. Wahrscheinlich würde sie auch die Arbeitslosigkeit verringern, weil dann mehr Stellen auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen würden. Die Unternehmensverbände fürchten natürlich jeglichen staatlichen Regulierungsversuch in dieser Hinsicht. Dennoch wäre es sinnvoll, wenn sich die Regierung und die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände bei diesem Thema zusammensetzen würden und Möglichkeiten prüfen und ausarbeiten würden, wie wir eine bessere Arbeitskultur schaffen können.

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