Polen – Der unbekannte Nachbar

Polen
Der Kulturpalast ist ein umstrittenes Wahrzeichen von Warschau

Polen zählt nicht zu den beliebtesten Reisezielen. Dabei ist es eine Schatzkiste voller Kostbarkeiten. Alte Städte, malerische Landschaften und gutes Essen erfreuen den Besucher.

Die wiederauferstandene Stadt
Meine Reise durch Deutschlands östliches Nachbarland beginnt in einer Stadt, die sich nach nahezu vollständiger Zerstörung neu erfunden hat. Mein erster Eindruck: Warschau ist besser als sein Ruf. Wie viele deutsche Städte ist auch Warschau eine Stadt der Kontraste. Das Zentrum um den Kulturpalast und Hauptbahnhof wird dominiert von modernen Bürotürmen und grauen Wohnblöcken. Die Warschauer Skyline steht spätestens mit Vollendung des schicken Liebeskind-Baus den Geschäftsvierteln von Frankfurt oder London in nichts nach. Eine moderne Infrastruktur mit reibungslos funktionierendem Straßenbahn-, U-Bahn- und Bahn-Netz zeugen von Polens ökonomischen Aufstieg als EU-Staat.
Fast in eine andere Welt tritt man beim Betreten der Altstadt, die eigentlich gar nicht alt ist. Nachdem Warschau durch die deutschen Besatzungstruppen im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört worden war, bauten die Polen die Altstadt mit Liebe zum Detail wieder auf. Damit trotzten sie der primitiven Zerstörungswut der Nazis. Die UNESCO würdigte das Werk durch die Aufnahme in die Liste der Weltkulturerbestätten. Hier wandele ich nun durch malerische Gassen und bestaune prächtige Fassaden und Kirchen.
Wer nach Polen reist, sollte auch unbedingt die gute polnische Küche kosten. Geheimtipp: Wenn man vom alten Marktplatz kommend nördlich durch das historische Stadttor, den Barbakan, schreitet und dann gleich links in die Straße Podwale einbiegt, kommt auf der rechten Seite ein sehr gutes Restaurant, das eine schöne Alternative zu den touristischen und teuren Restaurants am Marktplatz darstellt. Die Einrichtung im „Podwale 25“ ist urig und im Sommer kann man in einem Biergarten im Hof sitzen. Hier bekommt man die typischen polnischen Gerichte: z.B. Pierogi (eine Art Maultaschen gefüllt mit Fleisch, Kartoffeln, Sauerkraut oder Käse), Bigos (Sauerkraut, das mit Wurst, Zwiebeln und Pilzen gedämpft wird und in einem ausgehöhlten Brotlaib serviert wird) oder Żurek (eine Roggenmehlsuppe mit Ei und Wurst).
Eine große Auswahl an Restaurants und Cafés neben schönen historischen Fassaden findet man auch in der Krakowskie Przedmieście, der südlichen Verlängerung der Altstadt. In dieser verkehrsberuhigten Straße herrscht an Sommerabenden ein buntes Treiben. Bei Zapiecek in der Nummer 55 bekommt an ebenfalls die gute typische polnische Küche. Hier treffe ich Hubert und Robert. Die beiden Mittzwanziger sind nicht nur Geschäftspartner sondern privat auch ein Paar. Von ihrer Wohnung in der Warschauer Innenstadt aus führen sie ihr selbst aufgebautes Nachhilfeunternehmen. Für ihre Kurse für Abiturienten mieten sie Räume in der Universität an und stellen auf Honorarbasis Lehrer für die diversen Fächer ein. Damit verdienen sie so gut, dass sie sich nach der jährlichen Prüfungsphase eine Weile zurücklehnen können. Die beiden Geschäftsmänner zählen zu einer aufstrebenden polnischen Mittelschicht, die vom wirtschaftlichen Aufschwung der letzten zwei Jahrzehnte profitiert. Für die neue europafeindliche Regierung der Partei PIS schämen sie sich. „Wir entschuldigen uns für die neue Regierung“ sagt der studierte Programmierer Hubert schmunzelnd. Sein Freund Robert fügt hinzu, dass Polen viermal mehr Gelder von der EU erhalten habe als es eingezahlt habe. Jetzt verteile die Regierung soziale Wohltaten, um die Bevölkerung zu besänftigen. Ob sie sich aufgrund ihrer Homosexualität in Polen diskriminiert oder stigmatisiert fühlen? Nein, beide fühlen sich wohl in Warschau.

Kein Warschau-Besuch ist vollständig ohne einen Besuch des Łazienki-Parks. Hier lasse ich die Kühle und Sachlichkeit der Hochhaus-Innenstadt hinter mir und tauche ein in die grüne Lunge der Stadt. Am Chopin-Denkmal kann man zur rechten Zeit einem ganz zauberhaften Ritual beiwohnen. Im Sommer finden hier kostenlose Chopin-Konzerte statt. Dazu versammelt sich eine bunte Mischung aus Zuhörern allen Alters und Herkunft.
Wer sich weiter in den Park hinein wagt, entdeckt ein vorzügliches Beispiel klassizistischer Architektur. Das sogenannte „Palais auf dem Wasser“ ist nur über Brücken zu erreichen und wird von echten Pfauen beschützt.

Warschau ist trotz der Zerstörungen eine Stadt der Paläste. So wurde auch der polnische König Jan III. Sobieski von der Baulust der Zeit Ludwigs XIV. erfasst. Ein Ausflug in den Vorort Wilanów lohnt sich sehr. Hier steht das gleichnamige Schloss des Königs, der dem deutschen Kaiser 1683 vor Wien die Haut gerettet hat. Ohne die Hilfe der polnischen Truppen wäre Wien in die Hände der Osmanen gefallen.
Schloss Wilanów wurde 1677-79 errichtet und zählt zu den Perlen europäischer Barockarchitektur. Die verspielte Dreiflügel-Anlage ist von außen reich dekoriert und auch von innen prächtig ausgestattet. Neben kostbaren Möbeln aus verschiedenen Epochen ist bei meinem Besuch ein absoluter Höhepunkt die anscheinend nur temporär installierte Ausstellung originalgetreu rekonstruierter Kleidung aus der Bauzeit.

Warschau
Warschau
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Lebendige Geschichte in Krakau
Die nächste Etappe meiner Reise führt mich nach Krakau. Anders als Warschau blieb Krakau vom Krieg nahezu unzerstört. Hier spürt man auf Schritt und Tritt den Charme dieser schönen alten Stadt. Die Altstadt wird von einem grünen Gürtel umschlossen, der dem Verlauf der historischen und teilweise sogar erhalten gebliebenen und begehbaren Stadtmauer folgt. Diesen grünen Gürtel kann man gemütlich entlang spazieren, die prächtigen Fassaden der Häuser bewundern und an verschiedenen Stellen in die Altstadt einstechen. Das Herz der Altstadt ist der zentral gelegene Marktplatz mit seinen historischen Tuchhallen in der Mitte und dem Rathausturm im Stil eines italienischen Campanile. Die gotische Marienkirche am Marktplatz hat innen eine Überraschung zu bieten. Sind westeuropäische Kirchen häufig innen mit unbemalten Steinmetz- und Holzschnitzarbeiten dekoriert, so wartet die Marienkirche mit einer überwältigenden Farbenpracht auf. Allein die Decke ist vollständig in blau und gold bemalt. Auch der aufwändig geschnitzte Altar schillert in prächtigen Farben.
Am südlichen Rand der Altstadt erhebt sich auf einem Berg über der Weichsel das imposante Königsschloss, der Wawel. Von hier aus regierten die polnischen Könige bis ins 16. Jahrhundert ihr Reich. Die Aussichtsterrassen und die Kathedrale sind frei zugänglich. Das innere des Renaissance-Schlosses kann gegen Eintrittsgeld besichtigt werden.
Ein ganz eigenes Flair entfaltet das jüdische Viertel, der Kazimierz. Neben stimmungsvollen renovierungsbedürftigen Altbauten findet man hier zahlreiche Synagogen und jüdische Restaurants, in denen man schmackhaftes Essen nach koscherer Art bekommt.
Krakau, das man bequem zu Fuß oder mit der Straßenbahn erkunden kann, zähle ich zu den schönsten Städten Europas.

Krakau wurde im Krieg zwar nicht zerstört, doch spielte es in der Tötungsmaschinerie der Nazis eine bedeutende Rolle als Verwaltungssitz. Der deutsche Generalgouverneur von Polen, Hans Frank, residierte im Königsschloss Wawel und organisierte von dort den Massenmord an Juden, Kriegsgefangenen und weiteren Gruppen. Er ging als „Judenschlächter von Krakau“ in die Geschichte ein und wurde in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt.
Ein Ausflug in das etwa 67 Kilometer entfernte Auschwitz führt mich in das Herz der Todesmaschine. In zwei Ausstellungen im Stammlager und dem Außenlager Birkenau begebe ich mich auf Spurensuche nach dem Holocaust und versuche das Unbegreifliche zu verstehen. Als ich über das Gelände des Vernichtungslagers laufe, kommen mir die letzten Worte aus Paul Celans Gedicht „Todesfuge“ in den Sinn: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Meisterlich könnte man die Effizienz bezeichnen, mit der Deutsche hier Menschen in wenigen Jahren millionenfach ermordet haben. Doch kann ich meinem Verlangen nach Verstehen nur bis zu einer gewissen Grenze folgen, sonst müsste ich daran verzweifeln.
Nur wenige Touristen finden den Weg in die wenige Kilometer entfernte Innenstadt von Auschwitz (polnisch Oświęcim). Bei einem Eis auf dem Marktplatz sitzend, umgeben von renovierten historischen Fassaden und mit Blick auf die mittelalterliche Burg, komme ich mir vor wie in einer gewöhnlichen deutschen Kleinstadt. Hier lässt nichts den Ort des Grauens erahnen, für den der Name Auschwitz steht.

Krakau
Krakau
Am Marktplatz kann man eine Kutschfahrt beginnen.
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Ländliches Idyll in den Karpaten
Ein völlig anderes Gesicht Polens zeigt die letzte Etappe der Reise: Die Beskiden im Gebirgszug der Karpaten. Während die Gegend um Warschau relativ flach ist, erhebt sich hier an der südlichen Grenze zu Tschechien und der Slowakei ein mächtiges Gebirgsmassiv. Doch zunächst braucht es eine geeignete Unterkunft. Hier bietet sich ein Geheimtipp an: in Schirk (Szczyrk) gibt es eine Jugendherberge der evangelischen Gemeinde, die am Fuße der Berge liegt. Der Pfarrer Jan Byrt und seine Frau Dorotha sprechen beide Deutsch. Für 20 Euro pro Nacht und Person kann man dort übernachten inklusive reichhaltigem Frühstück und leckerem selbst gekochtem Abendessen.
Die Jugendherberge liegt schon so weit in den Bergen, dass ich von dort aus eine Wandertour zum Berg Skrzyczne (1257m) starte. Der Weg führt über Bergkämme und bietet wunderbare Ausblicke über das weite Land in alle Richtungen. Auf dem Berg angekommen, lädt ein Ausflugslokal zur Einkehr ein und ein Mann spielt polnische Volkslieder auf der Geige und singt dazu.
Von Schirk lohnt ein Ausflug ins 20 Kilometer entfernt liegende Saybusch (Żywiec). Die kleine beschauliche Altstadt wartet mit einigen Sehenswürdigkeiten auf: ein klassizistisches Schloss aus der Zeit der habsburgischen Monarchen, ein malerischer Park mit Kanälen und eine alte Kirche, die innen wieder überraschend prächtig ausgestattet ist. Am Marktplatz hinter der Kirche darf man auf keinen Fall diesen Geheimtipp verpassen: Café Miętówka an der südwestlichen Seite des Marktplatzes (ulica Tadeusza Kościuszki 21). In diesem gemütlich eingerichteten Café bekommt man neben Eis auch eine vorzügliche Auswahl an Torten geboten zu günstigen Preisen. Ich koste eine Schoko-Pralinen-Cremetorte mit Knusperschicht in der Mitte und bedaure es, nicht noch mehr Kreationen probieren zu können. Auch Teetrinker müssen im Sommer hier nicht auf ihr Getränk verzichten. Sie können sich einfach einen erfrischenden selbst gemachten Eistee mit Orangen- und Zitronenscheiben bestellen.

Beskiden
Beskiden
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Für die Rückreise aus Polen nehme ich viele wunderbare Erinnerungen mit. Selten habe ich in einem Urlaub so gut und günstig gespeist. Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang haben ihre Spuren in diesem Land hinterlassen. Doch sie werden immer weniger und wer sich auf Polen einlässt, wird hier sehr viel schönes und zum Glück noch nicht allzu touristisch überlaufenes entdecken.

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