Auschwitz – das Unfassbare greifbar machen

Torgebäude des KZ Auschwitz-Birkenau, Aufnahme kurz nach der Befreiung 1945 - Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha / CC-BY-SA 3.0

Sich dem heiklen Thema Holocaust zu nähern, erfordert Einfühlungsvermögen und Mut. Mit Ihrer mehrteiligen Dokumentation „Auschwitz“ legen die BBC und der Historiker Laurence Rees ein gelungenes Werk vor, das dieser großen Verantwortung gerecht wird.

In einer Mischung aus nachgestellten Szenen, Erzählungen und Zeitzeugenberichten zeichnen die Produzenten von „Auschwitz“ die Entfaltung des Massenmordes durch die Errichtung der Konzentrationslager in Osteuropa bis zum Zusammenbruch des Systems und der teilweisen Verfolgung der Täter nach. Sie erklären die technischen Hintergründe anhand von Fotos und Computeranimationen und offenbaren faszinierende und haarsträubende Details.
Die Nazis versuchten das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu vertuschen, indem sie fast alle Gaskammern in Auschwitz sprengten und Treblinka und Sobibor –die reine Vernichtungslager ohne Zwangsarbeit waren- dem Erdboden gleich machten. Doch hier werden die perfiden Architekturen der Vernichtung in mühevollen Rekonstruktionen wieder für alle Welt sichtbar gemacht.

Kaum bekannte Hintergründe
Dabei zeigen die Produzenten von „Auschwitz“ auch immer die Geschichten von Menschen, sowohl der Opfer als auch der Täter. Es kommen Überlebende zu Wort, deren Erlebnisse zutiefst berühren. Doch auch die Motive der Täter werden ausführlich beleuchtet.
Ohne den roten Faden je aus den Augen zu verlieren, fördert die Doku auch erstaunliche Details von Widerstand und Anpassung zu Tage. So wurden selbst auf den Kanalinseln Jersey und Guernsey mithilfe der örtlichen Polizei Juden deportiert, während in Dänemark Bürger und Beamte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zahlreiche Juden über den Öresund ins neutrale Schweden verschifften und somit in Sicherheit brachten. Auschwitz ist eine Geschichte von Monstern und Helden.
Auch die politischen Schachzüge, die im Hintergrund zwischen den Nazis und den Alliierten abliefen, beleuchtet die Serie: etwa den von den Nazis angestoßenen Menschenhandel, auf den sich die Alliierten nicht einließen, und die Entscheidung der US-Regierung, in Auschwitz nicht militärisch einzugreifen, obwohl die Bedeutung des Ortes bis ins Detail bekannt war.

Schicksal der Überlebenden
Der letzte Teil der Doku konzentriert sich auf den Zusammenbruch des Nazi-Systems und das Schicksal der Überlebenden nach dem Krieg. Dies nimmt einem den letzten Rest Glauben an irgendeine Form von Gerechtigkeit auf der Welt. In Osteuropa, woher die meisten Gefangenen stammten, kam ihnen keinerlei Entschädigung zuteil. Ihre Häuser waren inzwischen von Fremden bewohnt. Manche befreite Frauen gerieten in die Fänge marodierender und vergewaltigender Sowjetsoldaten und die wenigen überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen wurden vom sowjetischen Geheimdienst als „Feiglinge“ und mutmaßliche Spione weiter inhaftiert und gequält.
Von den tausenden SS-Leuten, die das System bis zum Einfall der Roten Armee betrieben hatten, wurde nur eine Handvoll überhaupt je angeklagt. Einer der letzten verurteilten SS-Männer ist der in der Serie mehrfach zu Wort kommende Oskar Gröning, der 2015 wegen Beihilfe zu Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt worden war. Davor lebte der in der Devisenabteilung von Auschwitz tätig gewesene SS-Unterscharführer Jahrzehnte lang unbehelligt in der Bundesrepublik und war sogar zeitweise zum Hilfsrichter ernannt worden. Erst spät setzte sich die Rechtsauffassung durch, dass allein schon die Mitarbeit im System Beihilfe zum Mord darstellt. Wer tatsächlich persönlich die Zyklon-B-Plättchen in die Röhren der Gaskammern gefüllt hat, wird sich wohl nie vollständig aufklären lassen.

Rees‘ „Auschwitz“ hätte noch mehr darauf eingehen können, wie sich die moralischen Autoritäten der damaligen Zeit zu den Erkenntnissen über den Holocaust verhalten haben. Dieser Aspekt kommt leider etwas kurz. Dennoch ist es vielleicht gelungenste filmische Aufarbeitung des größten Verbrechens gegen die Menschlichkeit, die bisher versucht wurde.

Hier geht es zu Laurence Rees‘ Blog.

Die Doku-Serie „Auschwitz“ ist hier erhältlich:

Weiterleiten:

Anzeigen

1 Kommentar

  1. Ich bin einer 70 jährige Hollandische Historiker die sich seit 50 Jahren mit diesen und andre Kriegs Themen und Verbrechen befasst und ich habe mich in der Jahren 60 und 70 dafür eingespannt die verantwortlichen Nazis für ihre grausame Verbrechen an zu klagen zu straffen, und jetzt, in 2018, bereits 73 jäheren nach Kriegsende wann die verantwortlichen längst tot sind werden dieser kleiner fischen, die 96 Jahren alte und gebrechliche Leute, von die heutige Deutsche Justiz angeklagt und hinter Gitter geworfen…Ich habe dafür nur einen Antwort; zu spät, unmenschlich und WAHNSIN!

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*