Reisen im Mittelalter

Absalon verlässt David, um eine Verschwörung zu planen, Maciejowski-Bibel, 13. Jahrhundert

Wenn wir uns in unserer hoch technisierten Welt umschauen, stoßen wir an jeder Ecke auf die Spuren einer modernen Infrastruktur. Die Entfernungen zwischen Orten scheinen sich immer weiter zu verringern, so schnell kommen wir heute von A nach B. Doch wie sah die Welt vor 1000 Jahren aus? Und wie kam man im Mittelalter von einem Ort zum anderen. Die meisten werden vom Reisen im Mittelalter kein Bild im Kopf haben.

Wie sah die Landschaft aus?
Die Landschaft bestimmte zu allen Zeiten die möglichen Transportwege. Wir müssen uns zunächst verdeutlichen, dass die Landschaft in Mitteleuropa im Mittelalter sehr anders aussah. Starke Eingriffe durch den Menschen haben sie erst im Verlauf der Jahrhunderte zu dem gemacht, was wir heute sehen. So waren die Mittelgebirge, von denen wir sehr viele in Europa haben, im Mittelalter von dichten Wäldern bedeckt. Die dichten Wälder stellten für die Menschen eine natürliche Barriere dar. Sie waren mit Wagen oder Lasttieren praktisch nicht zu durchqueren und auch zu Fuß nur schwer zu überwinden.  Darüber hinaus war man in ihnen wilden Tieren, von denen es damals noch viel mehr gab, und Räubern schutzlos ausgeliefert. Erst im Hoch- und Spätmittelalter fingen die Menschen an, diese Gegenden als Siedlungsgebiet zu betrachten und den Wald gezielt zu roden. So kamen Ortsnamen zustande wie zum Beispiel Weilrod und Naurod.

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Dichte Wälder wie hier auf dem Taunuskamm prägten die Landschaft Mitteleuropas im Mittelalter.

Aber auch die Flussniederungen boten keine geeignete Passage zu Land. Die Flusstäler waren bis ins Hochmittelalter sumpfige Auenlandschaften. Die Flüsse selbst waren breit und weit verästelt mit flachem Wasser zum Rand hin. Die Ufer gingen fließend über in Moorlandschaften. Bäche und kleine Flüsse konnten bei starkem Regen schnell anschwellen und zu einem unüberwindbaren Hindernis werden. War das Wasser flach genug, durchwartete man es. Brücken gab es selten. Verbreiteter waren Fähren. Doch sowohl Brücken als auch Fähren kosteten in der Regel eine Mautgebühr.
Erst im Spätmittelalter begann man, die Flussniederungen und Täler trocken zu legen. Bis dahin waren unbewaldete Hügel und Bergrücken die beste Möglichkeit, an Land voran zu kommen. Dort ging man über ausgetretene Pfade, Wege und Hohlwege, die jedoch bei Regen sofort verschlammten. Gepflasterte Straßen existierten seit dem Zusammenbruch des römischen Reiches nicht mehr. Dementsprechend war die bevorzugte Reisezeit von Frühling bis Herbst.
Orientierung boten Grenz- und Hinweissteine und Wegweiser. Da die meisten Reisenden nicht lesen konnten, war auf einem Grenzstein häufig das Wappen des jeweiligen Fürstentums eingemeißelt. Ein häufiger Wegweiser war eine geschmiedete eiserne Hand. Heute noch heißt einer der Taunusübergänge bei Wiesbaden „Eiserne Hand“, was auf ein Vorhandensein eines solchen Wegweisers in früherer Zeit schließen lässt. Auf manchen Wanderwegen kommt man auch heute an Nachbauten solcher Wegweiser vorbei.

Reisen im Mittelalter
Steinbrücken wie hier im spanischen Cangas de Onís waren im Mittelalter vor allem in Städten zu finden. Sie zu überqueren kostete oft Geld und war nicht ungefährliche, wenn sie in schlechtem Zustand waren.

Welche Transportmittel gab es?
Entgegen des mitunter durch Historienfilme vermittelten Bildes haben sich die wenigsten Menschen im Mittelalter mit dem Pferd fortbewegt. Die meisten Menschen gingen zu Fuß. Ein Tier für die Fortbewegung zu besitzen, war Ausdruck von Wohlstand und ein unerreichbarer Luxus für den Großteil der Bevölkerung. Wer Waren transportieren musste und etwa einen Wagen ziehen musste, nutzte dafür noch am ehesten Esel, Maultiere oder Ochsen. Das Pferd war das schnellste Fortbewegungsmittel zu Land und wurde etwa von wohlhabenden Kaufleuten, Adeligen oder königlichen Boten verwendet. Wohlhabende Damen nutzten einen einfachen in einer Aufhängung konstruierten Reisewagen, den Kobelwagen. Mit dem Wagen zu reisen, galt als unmännlich und war Damen, Kranken und Alten vorbehalten.
Wer schnell voran kommen wollte oder große Lasten transportieren wollte, wählte die Flussschifffahrt. Die Flüsse waren quasi die Autobahnen des Mittelalters. Hier konnte man selbst mit großen Lasten in relativ kurzer Zeit sehr weite Distanzen überwinden. So war es beispielsweise möglich, Güter aus der Alpenregion vom Bodensee über den Rhein bis zur Nordsee zu verschiffen und von dort mit Koggen etwa weiter nach England. Dies hatte jedoch seinen Preis. Jeder Fürst, der einen Zugang zum Rhein hatte, erhob dort einen Zoll und langte somit den Kaufleuten in die Tasche. Die zahlreichen mittelalterlichen Burgen im Oberen Mittelrheintal zeugen noch heute von der starken und dauerhaften Präsenz fürstlicher Herrschaft an diesem bedeutenden Verkehrsweg.
Da die Flüsse dieser Zeit eine geringe Tiefe und größere Breite hatten, befuhr man sie mit Einbäumen aus Eichen- oder Kiefernstämmen, Booten, Lastkähnen und Flößen.

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Auf einer Insel im Rhein gelegen, diente die Burg Pfalzgrafenstein dem Kurfürsten von der Pfalz als Zollstation.

Wer über noch weitere Distanzen reisen wollte oder Güter transportieren wollte, der musste mitunter auf die Hochseeschiffahrt zurückgreifen. Doch diese war mit erheblichen Risiken verbunden, von denen die Piraterie noch das Geringste war. Piraten hatten es in der Regel auf materielle Güter abgesehen. Die gefangene Besatzung eines gekaperten Schiffes boten sie daher häufig auf Sklavenmärkten zum Verkauf, sodass  es nicht selten Angehörigen möglich war, die Gefangenen wieder frei zu kaufen.
Die Naturgewalten machen jedoch keine Gefangenen. Die meisten Menschen konnten nicht schwimmen. Wenn eine Kogge sank, bedeutete das häufig das Ende für die gesamte Besatzung und Passagiere. Da die Fähigkeiten zur Navigation zu dieser Zeit noch gering ausgeprägt waren, segelte man entlang der Küsten. Gleichzeitig musste man aufpassen, der Küste nicht zu nahe zu kommen, um nicht auf Grund zu laufen oder an Felsen zu zerschellen.

Erst an der Schwelle zur Neuzeit machten einige Neuerungen das Reisen schneller und bequemer. Die Straßen wurden weiter ausgebaut und zum Teil befestigt, Kanäle angelegt, neue Arten von Wagen und Federungen gebaut und größere Schiffe vom Stapel gelassen.

 

 

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