Waren die alliierten Flächenbombardements Kriegsverbrechen?

Flächenbombardements
Blick vom Dresdner Rathaus nach dem Bombenhagel am 13. und 14. Februar 1945. Foto: afp

Der britische Philosoph A.C. Grayling analysiert in seinem Buch „Die toten Städte“ die alliierten Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg und unterzieht sie einer moralischen Bewertung. Seine Ergebnisse sind erstaunlich und bedrückend zugleich.

Es gibt wohl kaum ein Thema, das derartig heftige, emotionale und kontroverse Reaktionen hervorruft wie die Frage nach der moralischen Bewertung der alliierten Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. Rechte nutzen das Thema gerne, um von Deutschlands historischer Schuld abzulenken und die Opferrolle hervorzukehren. Von linker Seite schallt es „Relativierung des Holocaust!“  Dies führt dazu, dass das Thema in die Tabu-Ecke geschoben wurde und nie auf breiter gesellschaftlicher Basis diskutiert und aufgearbeitet wurde. Zu groß ist die Gefahr, sich dabei die Finger zu verbrennen. Umso passender ist es, dass sich mit A.C. Grayling ein britischer Philosoph dieser Frage angenähert hat. Sein Buch „Die toten Städte“ ist der Versuch einer Antwort auf hohem wissenschaftlichem Niveau.

In mehreren Schritten baut Grayling eine Art Gerichtsverhandlung auf, die objektiv wie die blinde Justizia den Sachverhalt abwägen soll. Er beginnt mit einer Definition des Begriffs „Verbrechen“ und einer Klärung dessen, worüber wir hier sprechen. Die Flächenbombardements in Deutschland haben schätzungsweise 400.000 – 600.000 Todesopfer in der Zivilbevölkerung gekostet, darunter 30.000 Kinder. Sie legten ganze Städte, die in Jahrtausenden menschlichen Schaffens gewachsen waren, in Schutt und Asche. Diese Handlungen gelten unter normalen Umständen als Verbrechen. Die Frage ist, waren sie in diesem Kontext gerechtfertigt?
In den nächsten vier Kapiteln legt Grayling die Geschichte des Bombenkriegs dar. Dabei geht er auch ausführlich auf die Perspektive sowohl der Täter als auch der Opfer ein. Sowohl die taktischen Überlegungen der britischen Regierung und des Bomber Command, die Moral der Bevölkerung durch gezielte Bombardierung der Zivilbevölkerung zu unterminieren, werden beleuchtet als auch die grausamen Erfahrungen der Menschen in den bombardierten Städten, bei denen die Angriffe allenfalls Trotz, wenn nicht sogar Sympathien für das Nazi-Regime hervor riefen.

Die öffentliche Debatte zur damaligen Zeit
Ein gesamtes Kapitel befasst sich mit der öffentlichen Debatte der damaligen Zeit über die Flächenbombardements. Tatsächlich gab es erstaunliche Stimmen des Protests und des Humanismus auch in Großbritannien, die ein Ende dieser barbarischen Vorgehensweise forderten. Einige dieser Stimmen zeigten auch deutlich die Widersprüche in der Begründung der Angriffe auf. Abgesehen von der Ineffektivität bei der Beeinflussung der Moral, war ein Motiv für die Bombardements schlichtweg Vergeltung. Jedem Kind wird beigebracht, wenn es sagt „der hat angefangen“, dass es keineswegs legitim ist, mit gleicher Härte zurückzuschlagen, sondern dass es zivilisiertere Mittel gibt, einen Konflikt zu lösen. Britischen Intellektuellen war bewusst, dass mit der Zerstörung der deutschen Großstädte der Menschheit insgesamt Kulturschätze von unermesslichem Wert verloren gingen. Schätze, die in Jahrtausenden kulturellen Schaffens entstanden waren, wurden zum Teil innerhalb von Tagen unwiederbringlich vernichtet.
Der Schriftsteller George Bernard Shaw wies darauf hin, dass die Flächenbombardements in Teilen den Verbrechen der Nazis ähnelten. Ein eklatanter Widerspruch, der auch bei der heutigen Terrorismusbekämpfung missachtet wird. Bekämpft man einen Gegner mit den gleichen unlauteren Mitteln, verlässt man die moralische Überlegenheit und begibt sich auf dessen niedere Ebene herab. Die Nazis haben Menschen in starre Gruppen eingeteilt, von denen manche in ihren Augen höherwertig und manche minderwertig waren. Mit einer minderwertigen Gruppe musste man keine Gnade haben. Die Rhetorik der damaligen britischen Regierungsmitglieder ist in diesem Punkt dem Denken der Nazis erschreckend ähnlich. So äußerte Informationsminister Brendan Bracken die Absicht, das deutsche Volk „erbarmungslos zu vernichten“. Von Premierminister Churchill ist die schriftliche Anweisung erhalten, den Einsatz von Giftgas gegen die deutsche Bevölkerung zu prüfen.
Der Protest britischer Intellektueller war jedoch nicht von der Stimmung der Mehrheit gestützt und verlor zunehmend an Kraft mit den neuen Erkenntnissen über die Verbrechen von Wehrmacht und SS, die sich im Verlauf des Krieges in ihrer Brutalität exponentiell steigerten. So wich die Empörung über die rundum sinnlose Bombardierung Dresdens dem Entsetzen über die Gräueltaten in den kurz danach als erstes befreiten KZs. Die Sicht auf die Deutschen als Bestien schien sich durchzusetzen und die Flächenbombardements wurden alles in allem als angemessen hingenommen.

Moral in Zeiten des Krieges
Doch der nüchterne Betrachter weiß, keine Gruppe ist kollektiv Täter oder Opfer. Die Realität des Krieges ist komplexer als es die nationalistisch aufgeladenen öffentlichen Gedenkzeremonien der verschiedenen Länder suggerieren. Das Narrativ des heroischen Kampfes der Kräfte des Guten gegen das Böse bekommt deutliche Knicke, wenn man die Vorgehensweisen der Alliierten genau betrachtet. Ein Krieg ist immer eine sinnlose Orgie der Gewalt und eine Niederlage menschlichen kollektiven Handelns. Dennoch haben die einzelnen Akteure in einem Krieg immer einen mehr oder weniger großen Entscheidungsspielraum, wieviel Menschlichkeit sie aufgeben wollen und wieviel Brutalität sie sich hingeben wollen. Diese Instinkte sind in jedem Menschen vorhanden, egal ob er Deutscher oder Brite ist. Gleichzeitig ist jeder Mensch mit der Gabe der Vernunft und Güte gesegnet. Unter extremen Bedingungen wie dem von den Deutschen angezettelten Weltkrieg fällt es schwer, die gütige Seite des Menschen zu kultivieren.

A.C. Grayling klagt die Flächenbombardements also in einer Art fiktivem Gerichtsprozess an. Zu einem Prozess gehört auch eine Verteidigung. So setzt sich Grayling auch ausführlich mit allen relevanten Rechtfertigungsversuchen auseinander. Dennoch kommt er nach seiner 300-Seitigen umfassenden Analyse und Abwägung zu dem Urteil, dass die Flächenbombardements ein schweres Unrecht waren. Dies ist ein beachtlicher Standpunkt für einen Bürger eines Landes, in dessen Hauptstadt bis heute die Statuen der verantwortlichen Politiker und Militärführer stehen.

„Die toten Städte“ ist ein wertvoller Beitrag zur Aufarbeitung des katastrophalen Kapitels „Zweiter Weltkrieg“ in der Geschichte der Menschheit. Es kann dazu beitragen, dass Handlungen als Verbrechen anerkannt werden, die bisher als Heldentaten gelten und dass dadurch Lehren aus der Geschichte gezogen werden, die letztendlich der gesamten Menschheit dienen.

A.C. Grayling: „Die toten Städte – waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen?“
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1 Kommentar

  1. Ich bin einer Hollandische Historiker die sich seit 50 Jahren mit diesen und andre Kriegs Themen und Verbrechen befasst und ich habe in alle Jahren nicht von einer Deutsche ,,Historiker,, was gelesen oder gehört dass mit die Wahrheit des (bomben) Verbrechens überein stimmt. Alles was die alliierten in Deutschland gemacht und verwüstend haben wird niedrig gemacht und gut geredet mit als historische Tiefpunkt die Lügen über Dresden das mit mehr dann einen halbes millionen Fluchtlinge überfüllt war und dann 3 Tagen hinter einander (auch mit Phosphor) bombardiert wurden ist, wobei mit Tiefflieger auf fluchtend Menschen geschossen ist. Dabei Sol es Deutsche Historiker zufolge nur ,,25000 toten,, gegeben haben…, Swinemunde is 6 Wochen später auch bombardiert durch die Englander, das hatte nur 2 stunde gedauert und hatte 23000 toten gegeben… Der die es wacht die Nazi verbrechen klein zu reden kommt ins Gefängnis aber über Alliierte verbrechen darf man große lügen verbreiten. In Wahrheit hat das bombardieren von Deutsche stäten zusammen mit die massive Tiefflieger Angriffen der letzter 10 Kriegsmonaten über 1 millionen Opfer gegeben, dass waren nicht nur Frauen, Greise, kranken und Kinder aber auch tausende Zwangsarbeiter. Meinen Vater hatte das als Zwangsarbeiter hautnah miterlebt, und mit viel gluck überlebt und darüber Schande gesprochen. Dass Ausradieren mit bomben von über 1 millionen Deutsche und ausländische Zivilisten war einer reine und brutale Massenmord und Kriegsverbrechen und das die Nazis damit selbst angefangen haben tut an diese Tatsache nichts ab!

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