Den dunklen Wogen entfliehen – Eine pommersche Geschichte von Krieg und Frieden

Gisela Schütt, 7. von rechts, mit ihrer Schwester Irmgard, 3. von rechts, und Mitschülerinnen

Es gibt Ereignisse und Zeitumstände, denen wir Menschen machtlos gegenüber stehen. Sie überrollen uns wie eine plötzliche Woge im Meer und reißen uns davon. Mögen wir auch ein rechtschaffenes einfaches Leben führen. Es nützt uns nichts, wenn um uns herum Niedertracht herrscht. Auch die kleinen Inseln der Zivilisation und Menschlichkeit geben uns keinen ausreichenden Halt, um nicht von den drückenden dunklen Wogen umgerissen und weggetrieben zu werden. Dies ist eine Geschichte von Schicksalsschlägen. Sie wird erzählt von einer Frau, die eine solche Zeit erlebt hat. Ihre Geschichte verdient es, erzählt und bewahrt zu werden. Ihre kursiv gedruckten Erinnerungen sollen hier in die allgemeinen Hintergründe ihrer Zeit eingeordnet werden.

Jugend unter dem Hakenkreuz
Mein Name ist Gisela Schütt. Ich wurde am 17.10.1927 in Lüttkevitz auf Rügen geboren, einem abgelegenen Gutshof inmitten von weiten Feldern, nicht weit von der Ostseeküste entfernt.

Meine Eltern waren Willibald und Ruth Magdalene Flora Diederichs, geborene Wittstock. Mein Vater stammte ursprünglich aus dem Rheinland und hatte das Gut Lütkevitz aus staatlicher Hand gepachtet. Er hätte eigentlich gerne ein Gut im Raum Hannover gepachtet. Vielleicht, weil er dann nicht so weit weg von seiner Heimat gewesen wäre. Aber dieser Wunsch blieb ihm verwehrt. Nur auf Rügen war ein Gut für den studierten Landwirt frei. An sich ein bescheidener Mensch, rühmte er sich doch der Leistung, dass er dank guten Wirtschaftens drei Missernten überstehen würde.

Meine Mutter stammte von Rügen. Meine Großeltern mütterlicherseits besaßen das Gut Fährhof bei der Wittower Fähre. Sie waren wohlhabend genug, dass mein Großvater das erste Auto auf Rügen besaß. Ich habe noch in Erinnerung, wie er mit einem Freund und einer Zigarre im Mundwinkel im Auto sitzt, eine große geschlossene Limousine. Auch meine Großmutter war eine flotte Autofahrerin. Ich sehe sie noch vor mir mit Lederhütchen und Umhängetasche. Meine älteste Erinnerung an meine Kindheit ist, wie ich mit meiner Oma durch ihren Schweinestall laufe zwischen den frei umher laufenden Schweinen und großen Spaß dabei habe. In unserem Haus auf dem Gutshof lebte auch noch eine Hauswirtschafterin, die wir liebevoll Mamsell nannten, und in der Nähe des Guts wohnten in kleineren Häusern die Mitarbeiter des Guts, die man Deputatleute nannte.

Neben mir war die Familie Diederichs noch mit meinen Brüdern Gerhard und Richard sowie meiner Schwester Irmgard gesegnet. Als ich ins Schulalter kam, verbrachte ich die meiste Zeit im Pensionat im Lyceum in Stralsund. Das war so üblich zu der Zeit, da die Anfahrt zu den örtlichen Schulen auf der Insel zu aufwändig war. Aber in den Ferien fuhr ich immer nachhause.

Dadurch, dass Rügen sehr ländlich geprägt ist, kam ich mit dem nationalsozialistischen Regime meistens nur bei Aufmärschen in Kontakt oder in der Schule, im Rahmen von Führer-Reden und Ansprachen, die im Radio übertragen wurden und nach denen wir immer das Deutschland-Lied singen mussten mit erhobenem Arm. Aber das Nazi-Geblabber interessierte mich nicht. Man ließ das einfach über sich ergehen. Ein Erlebnis hat sich jedoch tief in meine Erinnerung eingebrannt. Ich war vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Ich spielte an dem Tag mit anderen Mädchen Völkerball auf der Straße. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich wie ein Mädchen mit langen schwarzen Zöpfen auf der anderen Straßenseite dicht an den Zaun gequetscht den Bürgersteig entlang ging. Es kam mir seltsam vor, aber ich hätte es nicht weiter beachtet, wenn nicht plötzlich ein Mädchen aus unserer Gruppe Namens Ruth ausgeschert wäre und zu dem Mädchen auf der anderen Seite gelaufen wäre. Unvermittelt gab Ruth dem Mädchen links und rechts eine Ohrfeige. Das machte mich wütend. Jetzt ging ich auf Ruth los, knallte ihr eine und schrie sie an: „Wie kommst dazu, dieses Mädchen zu verprügeln?! Die hat dir doch gar nichts getan!“

Da sagte Ruth nur „Guck mal“, und deutete auf den Arm des Mädchens. Ein Judenstern.

Ich sagte nur zu Ruth: „Sie ist genauso ein Mensch wie wir.“ Tatsächlich kannte ich das Mädchen vom Sehen. Wir mussten immer für die Winterhilfe sammeln gehen und ich erinnerte mich daran, dass ihre Familie in der Nähe ein Reihenhaus bewohnte. Später waren sie einfach verschwunden. Ob sie rechtzeitig das Land verlassen konnten oder deportiert wurden, habe ich nie erfahren. Ich weiß nur, dass Ruth nach dem Krieg nach England gegangen ist und dort geheiratet hat.

Als ich meinen Eltern aufgewühlt von dieser Szene erzählte, sagte mein Vater nur: „sprich nicht darüber“. Man sprach nicht über das Regime. Wenn man dies tat, wusste man, dass man selbst verschwinden würde.

Mein Vater war kein Anhänger des Regimes. Er hielt viel von Mathilde Ludendorff und ihren spirituellen, mystischen Thesen. Er las gerne Bücher über geschichtliche Themen. Einmal sagte er zu mir „Wie schade, dass du kein Junge bist“, weil ich mich nicht für seine Bücher interessierte. Das kam erst später. Mitglied in der Partei war er nicht aus Überzeugung, sondern weil er sonst blockiert worden wäre. Dies gab ihm später Freiräume, um vorsichtig Kritik zu äußern und sich für die Opfer des Regimes einzusetzen. Ich erinnere mich noch genau, wie ich einmal zufällig ein Gespräch zwischen meinen Eltern hinter einer angelehnten Tür hörte und wie mein Vater zu meiner Mutter sagte: „Wir müssen bei Gisela jetzt vorsichtig sein, über was wir reden. Sie ist jetzt in einem Alter, da interessieren sie diese Dinge und sie wird auch in Gespräche verwickelt werden und sich nichts dabei denken.“ Ich habe mich an den Esszimmertisch gesetzt und geweint. Es tat mir weh, dass sie mir nicht vertrauten. Heute verstehe ich das. Niemand traute sich, seine Meinung zu äußern. Meine Eltern hatten Angst, dass ich sie durch ein unbedachtes Wort hätte ans Messer liefern können.

Des Weiteren gab es in meiner Klasse zwei Schwestern, Zwillinge, deren Eltern ein schönes Haus hatten, eine Kaufmannsfamilie Namens Kröning. Sehr nette Leute. Die Mädchen mussten jedoch später mit der mittleren Reife abgehen und durften kein Abitur machen, obwohl sie keine „Volljuden“ waren, sondern nur ein Elternteil jüdischer Abstammung war. Es war ungerecht. Aber es war einfach so. Ich kannte es nicht anders.

Die Region, in der Gisela aufwuchs, die preußische Provinz Pommern, kann man als herbes Land bezeichnen. Zwar war es landwirtschaftlich geprägt, doch lagen seine Erträge aufgrund der lehmigen festen Böden unter dem landesweiten Durchschnitt. Stärkste politische Partei in Pommern war in dem Jahrzehnt bis 1930 mit Abstand die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), Hitlers Koalitionspartner. Ab 1932 zog die NSDAP die meisten Wählerstimmen auf sich. Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 erlangte sie sogar mit 56 Prozent die absolute Mehrheit in Pommern. Die Verwaltung der Provinz oblag von 1934 bis 1945 dem Gauleiter Franz Schwede-Coburg, der sich bereits als Bürgermeister von Coburg durch die Misshandlung von jüdischen Mitbürgern und politischen Gefangenen hervorgetan hatte. Auch auf seinem neuen Posten als Gauleiter führte Schwede-Coburg die Amtsgeschäfte mit blutiger Hand. So ordnete er im Herbst 1939 auf eigene Initiative, ohne direkten Befehl von oben, die Räumung der Heil- und Pflegeanstalten in Treptow, Ueckermünde, Lauenburg, Meseritz-Obrawalde und Stralsund an und ließ den größeren Teil der Patienten durch das SS-Kommando Eichmann in Westpreußen erschießen bzw. durch das Sonderkommando Lange mit Gaswagen ermorden. Hatte kurz vor der Machtergreifung die deutliche Mehrheit der Pommern der NSDAP ihr Vertrauen ausgesprochen, so wuchs nach der Machtergreifung sogleich die Unzufriedenheit in der Bevölkerung über das gesetzesverachtende brutale Verhalten der Partei und der SA.

Wie überall im Reich machten sich die Nationalsozialisten daran, mit Gewalt und illegalen Mitteln ihr Regime Schritt für Schritt zu installieren und zu zementieren. Oppositionelle wurden inhaftiert und misshandelt, Parteien und Gewerkschaften verboten und die Presse und Kirche gleichgeschaltet. Jeglicher Widerstand wurde mit brutaler Gewalt beantwortet. Die Weimarer Republik war in der Bevölkerung so unbeliebt gewesen, dass es nun zu wenige gab, die sich schützend vor ihre verfassungsrechtliche Ordnung stellten. Der Übergang zur Diktatur war unaufhaltsam. Die Unzufriedenheit über die Gewalttaten nahm schon bald wieder ab aufgrund der sich zunächst einstellenden wirtschaftlichen Erfolge. So schreibt die Historikerin Kyra Inachin:

Nationale Erfolge, wirtschaftlicher Aufschwung und Vollbeschäftigung nach den Jahren der Not und wirtschaftlichen Instabilität führten zu einer breiten Akzeptanz des NS-Regimes und ließen viele Pommern über den Terror gegen Andersdenkende und die Verfolgung jüdischer Mitbürger hinwegsehen.“

Der wirtschaftliche Aufschwung basierte zu einem Großteil auf einem enormen Ausbau der Infrastruktur sowie einer erhöhten Produktion von Rüstungsgütern. In Pommern zählte dazu beispielsweise der Bau der Reichsautobahn Berlin-Stettin, die Requirierung und Verlagerung zahlreicher Kasernen in und nach Pommern sowie der Aufbau der Heeresversuchsanstalt Peenemünde.

Der Krieg breitet sich aus
Als ich eines Tages nachhause ins Pensionat kam, erwartete mich eine erschütternde Neuigkeit. Ich zog meine Straßenschuhe aus und tauschte sie gegen meine Hausschuhe. Dann ging ich wie gewohnt die Treppe hoch. Oben standen die Hauswirtschafterin und eine Oberstudienrätin, die Schwestern waren. Wir nannten sie Tante Grete und Tante Mite. Da sagte eine von ihnen: „Krieg mit Polen.“ Da wurde ich irgendwie stutzig. Aber ich sagte nichts.

Mit dem Ausbruch des Krieges wurden immer mehr Männer, die auf dem Hof arbeiteten, eingezogen und an die Front geschickt. Meinen Vater traf dieses Los wohl nicht, weil er als Leiter des Gutshofs unmittelbar an der Produktion von Nahrungsmitteln mitwirkte. Als Ersatz für die eingezogenen Männer wurden dem Gutshof im Laufe der Zeit Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten zugewiesen. Am Anfang waren dies Kriegsgefangene, die beaufsichtigt und eingesperrt wurden. Später wurde die Bewachung eingestellt. Die Arbeiter stammten aus ganz unterschiedlichen Ländern. Da mein Vater Latein gelernt hatte, konnte er sich jedoch zumindest mit den Franzosen und Italienern gut verständigen. Es kam sogar eine russische Bauernfamilie, schon etwas älter, in den 50ern. Die waren krank und konnten kaum laufen. Dennoch kamen sie hier nach Deutschland, um hier zu arbeiten.

Wenn Alarm war, ging mein Vater raus und schaute, ob alle Gebäude korrekt verdunkelt worden waren. Denn auf manchen Gütern machten die Ausländer dann absichtlich das Licht an. Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht haben.

Als Frühaufsteher hat mein Vater das erste Korn immer selbst ausgegeben, damit seine Leute länger schlafen konnten. Wenn ich in den Ferien zuhause war, durfte ich dann immer mit ihm morgens über die Felder reiten. Das war schön.

Mein Vater war ein sozial eingestellter Mensch und setzte sich immer wieder für die ausländischen Arbeiter ein. Einmal ist er zum Bürgermeister gegangen und hat gesagt: „Die arbeiten für uns, ich möchte, dass sie richtige Schuhe bekommen und nicht diese Holzlatschen mit Lappen.“ Da hieß es „der Diederichs ist nicht für die Partei“. Dass einer die Zwangsarbeiter anständig behandelte und sich für sie einsetzte, passte nicht in das Weltbild der Nazis.

Auch hatten wir Juden auf dem Hof. Das waren ganz feingliedrige Menschen. Intellektuelle im Prinzip, die gar keine körperliche Arbeit gewohnt waren. Die hat mein Vater dann auf dem Kornboden eingesetzt. Dort haben sie Säcke geflickt und ähnliche leichtere Arbeit verrichtet. Auch die Franzosen habe ich als sehr kultiviert in Erinnerung. Ich weiß noch, dass sie in einem großen Raum in ihrer Unterkunft Froschschenkel brieten und mir welche anboten. Aber ich wollte die Froschschenkel nicht essen.

Es gab einen sehr gut aussehenden Polen unter den Arbeitern, einen Förster, der meinen Vater um eine Stelle außerhalb der Kolonne bat. Sein Name war Wileski. Zur gleichen Zeit suchten wir eine neue Hauswirtschafterin. Da hatte sich eine Pastorentochter gemeldet, die eines Tages mit ihrer Mutter sich bei uns vorstellte. Bei dem Gespräch rutschte die junge Frau sogleich mit der Wahrheit heraus und offenbarte meiner Mutter, sie könne kein Hosenbein sehen [ließ sich leicht auf erotische Begegnungen mit Männern ein]. So war es nicht verwunderlich, dass sie sich an den gutaussehenden polnischen Förster ran machte. Als es rauskam, dass die beiden etwas miteinander hatten, wurde der Förster verhaftet und es hieß, er solle auf dem Schulweg meiner kleinen Geschwister erhängt werden. Da sagte meine Mutter zu den Beamten: „Dann aber das deutsche Mädchen auch. Dazu gehören zwei.“ Auch mein Vater setzte sich für Herrn Wilewski ein. „Sie leben so nah an der Grenze. Haben Sie denn nicht auf deutscher Seite irgendeinen Verwandten?“ fragte er ihn. Da fiel Herrn Wileski ein, dass ein kleiner Postbeamter ein Verwandter von ihm war. Daraufhin führte mein Vater einen Schriftwechsel mit den Behörden und zog einmal mehr das Misstrauen des Regimes auf sich. Was aus Herrn Wilewski geworden ist, weiß ich nicht. Manche sagten, er sei gleich erschossen worden.

Im Verlauf des Krieges wurde das Pensionat nach Bergen auf Rügen verlegt und die Schülerinnen privat untergebracht, da Stralsund zerbombt war. Es kamen auch immer mehr Flüchtlinge an, vor allem aus Osteuropa. Zu dieser Zeit machte sich Typhus breit. Auch ich steckte mich an und musste zeitweise ins Krankenhaus in Wiek. Die Leichen der verstorbenen mussten in Massengräbern vergraben werden. Später habe ich die Patienten mitbetreut. Eine Patientin war voller Läuse. Ich habe ihr die Läuse mit einem speziellen Mittel entfernt. Da habe ich ihr aus Spaß einen Turban gemacht und sie fand sich so schön im Spiegel. Leider ist sie kurze Zeit später gestorben.

Manche Patienten gaben mir die Adressen ihrer Verwandten, die ich in meinem Tagebuch notierte. Ich hatte das Tagebuch der Oberschwester zur Aufbewahrung gegeben. Doch dann behauptete sie, es wäre weg. Und ich hatte doch versprochen, die Angehörigen der Patienten über deren Schicksal zu informieren. Das hat mich jahrelang schwer belastet.

Gegen Ende des Krieges wurde mein Vater zum Volkssturm eingezogen und zur Verteidigung von Brücken über die Oder geschickt. Davon kam er zwar wieder zurück, aber er hatte sich die Ruhr zugezogen.

Über die sich nähernden russischen Truppen hörten wir nur unheilvolle Gerüchte. Die Flieger vom Fliegerhorst Bug auf Rügen boten Vater sogar an, ihn und seine Familie sowie wertvolle Gerätschaften mit einem eigenen Flugzeug auszufliegen. Doch er lehnte ab. Er glaubte an das Gute im Menschen. Auch die Äußerungen von Ilja Ehrenburg tat er als unbedeutendes Gerede ab.

Eines Tages hörten wir draußen plötzlich Gepolter. Da fuhren die Panjewagen vor. Da habe ich plötzlich richtig Angst bekommen. Da waren die Russen da. Auf unserem Dachboden hatten wir Einmachgläser gelagert. Ich höre es noch heute, wie die russischen Soldaten die Einmachgläser auf den Boden werfen und sich dabei totlachen. Beim Klo sagten sie erstaunt „Цап-цaрап! Цап-цaрап!“ [zappzarapp]Es wird weggenommen. Das sahen sie zum ersten mal, so hinterwäldlerisch waren viele.

Den Schmuck meiner Mutter hatten wir zuvor noch in der Nähe vergraben. Dennoch haben wir ihn nie wieder gesehen. Beim Vergraben stand ein Mann von einem anderen Gut schmiere. Dessen Tochter hat unser ganzes Kristall und Geschirr ausgeräumt und ist dann in den Westen gegangen. Einen anderen Teil des Schmucks hat meine Mutter in eine Milchkanne gelegt und einem der Deputatleute übergeben.

Es hieß, die russischen Soldaten hatten jahrelang keine Frauen gehabt. Da stürzten sie sich wie Vieh auf die Frauen auf der Insel. Aber mit den Kindern waren sie nett. Um mich vor Übergriffen zu bewahren, hatte mich mein Vater in einen Düngeranzug gesteckt, damit mich niemand als Mädchen erkannte. Dann haben wir zusammen den Schweinestall bearbeitet. Dabei sind wir einander seelisch sehr nahe gekommen. Ein andermal hat er mich in Strohballen versteckt zusammen mit Schinken und anderen jungen Leuten, die der Gefangenschaft entgehen wollten. Die anderen wurden jedoch später entdeckt und abgeholt.

Ein russischer Soldat hatte sich oben in einem Zimmer einquartiert und mein Fahrrad mitgenommen. Dann war noch einer da, ein blonder, der sagte zu mir „Ich würd‘ so gern Verbindung nach dem Krieg mit Ihnen haben.“ Das durfte er ja gar nicht sagen. Seine Adresse hatte ich auch in dem Tagebuch notiert, das mir geklaut wurde.

Ansonsten war die Devise, den Russen nur aus dem Weg gehen. Eines Tages ging ich die Allee zu unserem Gut entlang. Da kam mir plötzlich ein Panjewagen entgegen. Rechts saß der Kutscher, der die Peitsche schwang, links ein sowjetischer Kommissar in Uniform mit dickem Bauch.“Стой!“ [Halt!] rief der Kommissar. Da musste ich anhalten. Ich hatte in diesem Moment so die Nase voll. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich stand einfach still da und rief: „Пожалйста стрелять!“ [Bitte schießen!] Darauf hin legte der Kutscher die Flinte an auf mich. Da quiekte der Kommissar auf, fuchtelte mit den Händen und gebot dem Kutscher weiterzufahren. Es war mir alles egal, so verzweifelt waren wir.

Hitlers Suizid hatten wir mit Erleichterung nur am Rande aufgenommen. Niemand hatte vermutet, dass die Zeit so schwer würde und Deutschland geteilt werden würde. Man hatte nur mit dem eigenen Alltag zu tun und versuchte zu überleben. Die alten Eliten waren plötzlich alle weg. Ein Polizist Namens Gruschow soll unter dem Nazi-Regime immer sehr scharf gewesen sein. Den sollen sie an Händen und Füßen geschleift haben und verprügelt haben.

Für uns war jetzt jedenfalls klar, dass wir nicht mehr in unserem Haus bleiben konnten, wo sich ja nun die russischen Soldaten einquartiert hatten. Also suchten wir zunächst Unterschlupf im Haus eines Hofangestellten, dem Chef vom Schweinestall.



Der Einsatz von ausländischen Zwangsarbeitern war ein wichtiger Baustein in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Fehlten bereits vor Ausbruch des Krieges über eine Million Arbeitskräfte, so wurde der Bedarf nach Kriegsbeginn noch akuter. So waren im Sommer 1941 bereits fast 3 Millionen ausländische Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig. Den Umgang mit den ausländischen Zwangsarbeitern regelten die Machthaber präzise in entsprechenden Erlassen. Dabei kam eine rassistisch orientierte Hierarchie zur Anwendung, nach der die Arbeiter je nach Herkunft besser oder schlechter zu behandeln waren. Dass Arbeiter als gleichwertige Angestellte behandelt wurden, sah die Reglementierung des nationalsozialistischen Regimes nicht vor. Vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass Willibald Diederichs‘ Einsatz für die ihm zugewiesenen Zwangsarbeiter als Ablehnung gegen die Ideologie des Regimes aufgefasst wurde und mit misstrauischer Beobachtung von den Machthabern beantwortet wurde. Die Zuteilung von Arbeitskräften erfolgte durch das Arbeitsamt nach Anmeldung des Bedarfs durch einen Betrieb.Bei den Arbeitskräften konnte es sich um ursprünglich angeworbene Arbeitskräfte handeln, Deportierte oder Kriegsgefangene. Im Falle Letzterer wurde der Kriegsgefangenenstatus in zahlreichen Fällen aufgehoben und in ein zivilrechtliches Verhältnis umgewandelt. Ein naturrechtliches Verständnis von Menschenrechten, die jedes Individuum inne hat, war der faschistischen Ideologie fremd. Eine Weigerung, Zwangsarbeiter zu beschäftigen, wäre einer Auflehnung gegen diese Ideologie gleich gekommen. Es ist anzunehmen, dass eine Weigerung mit Repressionen wie Haft und wahrscheinlich der Entziehung der wirtschaftlichen Existenzgrundlage geahndet worden wäre, gerade bei einem für die Kriegswirtschaft wichtigen Landwirt.

Die Wehrmacht und SS hatten auf dem Gebiet der Sowjetunion schlimmste Kriegsverbrechen begangen. Aus diesen Eindrücken heraus gärten in den Reihen der Rotarmisten pauschale Hassgefühle gegen die Deutschen. Die Invasion der Roten Armee wurde entsprechend medial begleitet. Der Begriff der Rache tauchte zunehmend in den Veröffentlichungen sowjetischer Publizisten und insbesondere in der Militärpresse auf. Besonders der russische Schriftsteller Ilja Ehrenburg tat sich mit hasserfüllten Schriften hervor, die alle Deutschen pauschal mit den Kriegsverbrechern gleichsetzten und die unter den sowjetischen Soldaten ein breites Publikum fanden. Dementsprechend aufgehetzt und rachedürstend war die Stimmung in weiten Teilen der Roten Armee, als sie auf die ostdeutschen Siedlungen traf. Und entsprechend brutal wüteten und marodierten die Sowjetsoldaten in den eroberten Gebieten. So schreibt der Politikwissenschaftler Lothar Fritze:

Plünderungen und Brandschatzungen, Verschleppungen und Deportationen, Tötungsverbrechen, ja selbst Massentötungen Dutzender von Menschen und immer wieder brutalste, oftmals mehrfache Vergewaltigungen – von der achtzigjährigen Greisin bis zum zehnjährigen Kind, nicht selten mit Todesfolge – waren an der Tagesordnung.“

Die Insel Rügen wurde als letzte Bastion auf pommerschem Territorium von der Roten Armee eingenommen. Zuvor hatten die verbliebenen Wehrmachtsoffiziere und Gauleiter Schwede-Coburg, die sich auf die Insel zurückgezogen hatten, in chaotischen Szenen noch versucht, eine Verteidigung bzw. einen geschützten Abzug zu organisieren. Letztendlich sahen sie die aussichtslose Lage ein und setzten sich gen Westen ab. Daneben gab es eine handvoll Soldaten, die sich kampflos den Rotarmisten ergab. Mit dem Suizid Hitlers und den kurz darauf folgenden Kapitulationen der deutschen Streitkräfte endete der Zweite Weltkrieg und Pommern wurde gemäß der Übereinkünfte der Alliierten zur sowjetischen Besetzungszone.

Gisela Schütt als Aushilfslehrerin mit einer ersten Klasse, 1948
Gisela Schütt als Aushilfslehrerin mit einer ersten Klasse, 1948

Überleben in der Nachkriegszeit
Vor dem Zusammenbruch des Regimes kam ein gewisser Herr Rau auf die Güter auf Rügen, um die Schreibmaschinen zu reparieren. Irgendwann kam mein Vater mit ihm ins Gespräch. Danach sagte er zu meiner Mutter: „Das ist ja ein hochintelligenter Mann.“ Von da an saß Herr Rau bei uns mit am Tisch, wenn er kam. Er hatte Vater erzählt, dass er alter Spanienkämpfer war. Er war Kommunist, aber wir haben immer gesagt ein „Edelkommunist“. Als wir 45 alles verloren hatten, hat er nach uns gefahndet. Er sagte, wir haben ihn immer als gleichwertigen Menschen behandelt. Jetzt wollte er versuchen, etwas gut zu machen von dem, was man uns angetan hatte. Er wurde dann Oberbürgermeister von Greifswald. In dieser Funktion tat er viel, um uns zu helfen. In Greifswald besorgte er uns eine Wohnung und trug mit dazu bei, dass ich einen Lehrerkurs besuchen durfte. Denn ich war ja bourgeoise
[eine bürgerliche]. Mein Bruder Gerhard bekam immer eine fünf auf jeden Aufsatz, obwohl er ein guter Schüler war. Da vermuteten wir auch, dass es deswegen war, weil er aus einer bourgeoisen Familie kam. Herr Rau ermöglichte uns auch, in einer Mensa zu essen, in der sonst nur Parteileute speisen durften.

Eines Tages wurde mein Vater von russischen Soldaten verhaftet und mit dem Panjewagen mitgenommen. Ich bin noch mit dem Fahrrad hinterher gefahren. Die Gefangenen wurden dann auf einen Lastwagen verladen und abtransportiert. Wir erfuhren später, dass er in Neubrandenburg gefangen gehalten wurde. Einmal fuhr ich mit dem Zug dort hin, um ihn zu besuchen. Den Anblick der Stadt werde ich nie vergessen. Sie hatte zahlreiche historische Stadttore, aber die Tore waren gespenstischerweise die einzigen Gebäude, die noch standen. Ich hatte Alkohol, Seidenstrümpfe und Kugelschreiber für ihn mitgenommen. In der Stadt angekommen, schlich ich mich an das Internierungsgelände heran. Ich sah bewaffnete Soldaten, die die Gefangenen bei irgendwelchen Arbeiten bewachten. Ich sprach eine der Wachen an und legte dar, dass ich nur mal kurz meinen Vater sehen wollte. Der Mann sagte, er wolle versuchen, dass mein Vater am nächsten Tag ins Außenkommando kommt, damit ich ihn sehen könnte. Daraus ist aber nichts geworden. In der Stadt begegnete ich einer sehr alten Frau, die mich sogleich zu sich nachhause nahm und mich bei sich übernachten ließ. Ich gab ihr meine Anschrift und meine Uhr, die sie behalten sollte, falls ich nicht wiederkommen sollte. Leider verlief sich der Kontakt später.

Nach einiger Zeit stand in der Zeitung, dass all jenen, die inhaftiert worden waren, nun ein ordentlicher Gerichtsprozess gemacht werden sollte. Darauf hin frohlockten wir, in der Erwartung, dass nun alles aufgeklärt werden würde und die Unschuld meines Vaters ans Licht käme. Zumal wir von Misshandlungen der Gefangen hörten. Vater hat dazu jedoch nichts von sich gegeben.

Die Einschätzung, dass der Prozess nach korrekten rechtlichen Maßstäben ablaufen würde, war jedoch leider weit gefehlt. Im Gegensatz zur Ankündigung in der Zeitung, dass die Angeklagten sich zu den Vorwürfen würden äußern dürfen, gab es keine irgendwie geartete Verteidigung. Wenn der Angeklagte etwas sagen wollte, schnauzten Richter oder Staatsanwalt ihn unflätig an: „Fresse halten!“

Nach Ende des Prozesses, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, erhielten wir ein Schreiben, dass mein Vater wegen Beschäftigung von 32 ausländischen Arbeitern zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Er war zu gutgläubig für diese Welt. Aus der Haft, die er nicht vollständig absitzen musste, kam er als gebrochener Mann. Lange Zeit später, als meine Eltern in Dinslaken eine neue Heimat gefunden hatten, erwischte Mutti ihn ein paar mal, wie er im Klo stand und sich ein Messer an den Hals hielt.

Während meiner Zeit in Greifswald kam ich als notgedrungen ausgebildete Lehrerin an die Krull-Schule. Eines Abends gab es ein Kollegiumsfest, auf dem ich mit einem gut aussehenden Praktikanten Namens Horst Schütt ins Gespräch kam. Wir haben uns an dem Abend in einander verliebt. Am 5.8.1950 heirateten wir im Rathaus Greifswald. Ich hatte kurz zuvor noch einen goldenen Siegelring verkauft, wovon wird uns vergoldete Silberringe als Eheringe kauften. Als wir aus dem Rathaus kamen, stand das gesamte erste Schuljahr meiner Schule mit ihren Müttern Spalier. Mir kamen fast die Tränen. Drei Jahre später, am 17.02.1953, kam unsere Tochter Renate zur Welt.



Die politischen Entwicklungen, insbesondere die Teilung Deutschlands nahmen wir mit Entsetzen zur Kenntnis. Es blieb eine ständige Angst, wir könnten doch noch nach Russland verschleppt werden. Um sich für meinen Vater einzusetzen, fuhr Horst nach Berlin und sprach bei der zuständigen Behörde vor. Doch die Sachbearbeiterin teilte ihm nur mit, sie könne nichts tun. In der Zeit danach bemerkten wir immer wieder Männer mit Baskenmütze, die gespenstisch vor unserem Haus auf und ab liefen. Wir wurden offenbar beobachtet.

Ich erinnere mich noch gut an ein Ereignis, an dem das Gefühl der Angst besonders deutlich zutage trat. Es war ein Uni-Ball, auf dem auch Russen auftauchten. Einige von ihnen wollten mit mir tanzen. Ich zitterte vor Angst. Glücklicherweise war ein Professor anwesend, der uns kannte. Wir gingen zu ihm und fragten ihn, ob wir uns zu ihm stellen dürfen. „Natürlich“, sagte er und wir hatten für den Abend einen sicheren Hafen gefunden. Er hatte eine Tochter, die von den Russen verschleppt wurde und von der er nie wieder etwas gehört hat.

In diesen Tagen wurde uns immer deutlicher, dass wir keine Zukunft in diesem Land hatten. Horst konnte unter diesen Umständen auf keine erfolgreiche Karriere hoffen, obwohl er an der Universität Greifswald in Geografie promoviert hatte. Er verbreitete überall, dass er nach Leipzig an die Universität geht, wo er sich auch beworben hatte. Mit unserer Tochter und einem Leuchtglobus auf dem Schoß setzten wir uns in einen Nachtzug nach Berlin, denn es hieß, die wurden nicht kontrolliert. So kamen wir in das Aufnahmelager Berlin-Marienfelde. Von dort wurden wir Hessen zugeteilt. In Bad Sooden-Allendorf, direkt an der innerdeutschen Grenze, ließen wir uns dauerhaft nieder. Mein Mann kam in den hessischen Staatsdienst als Lehrer und Schulleiter, und wurde ein angesehener Lokalhistoriker.

Nach dem Ende des Krieges und dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes ließ der sowjetische Diktator Stalin eine Gruppe von Exilkommunisten um Walter Ulbricht nach Berlin einfliegen mit dem Auftrag, in der sowjetischen Besatzungszone einen von Russland kontrollierten Satellitenstaat zu errichten. Ulrich selbst formulierte dieses Ziel gegenüber Parteifunktionären mit den Worten: „Es muss alles demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand halten.“
Ein Baustein dieses neu installierten Regimes war die ideologische Gleichschaltung der Justiz sowie die Inhaftierung und Misshandlung von politischen Gefangenen, z.T. in ehemaligen Konzentrationslagern. Die Gewaltenteilung war abermals aufgehoben. Als im Jahr 1950 die Insassen der nun von der Roten Armee betriebenen Konzentrationslager an die DDR-Gerichtsbarkeit überstellt wurden, inszenierte das Regime dies als Akt ordentlicher Rechtsprechung. Einige Nazi-Verbrecher wurden in darauf folgenden Schauprozessen öffentlichkeitswirksam verurteilt. Die Mehrheit der Inhaftierten wurde jedoch in nicht öffentlichen Schnellverfahren von SED-Richtern zu drastischen Haftstrafen verurteilt, auch wenn sie nur einfache Mitglieder in NS-Organisationen waren oder durch andere zufällige Umstände in sowjetische Haft geraten waren. Dass die Verurteilten in erster Linie politische Gefangene waren, denn wirkliche Straftäter, belegt die offene Einschätzung der Rechtsanwältin und späteren DDR-Justizministerin Hilde Benjamin:

Ich habe Bedenken, ob in der gegenwärtigen Situation die Entlassung dieser Verurteilten in diesem Umfange weitergeführt werden soll. […] Die jetzige Liste enthält überwiegend solche Personen, die wegen Kriegsverbrechen, das heißt Verbrechen gegen die Menschlichkeit, verurteilt wurden, und zwar hauptsächlich auch solche, denen keine unmittelbare persönliche Schuld, sondern eine sogenannte Kollektivschuld zur last fällt. Trotzdem sind diese Menschen als Personen einzuschätzen, die überwiegend keine positive Einstellung zur DDR haben werden – trotz aller günstigen Begutachtung der Haftanstalt.“

Die ideologisch geleitete Rechtsprechung der DDR machte selbst vor Justizmorden keinen Halt, wie die Fälle Erna Dorn und Ernst Jennrich zeigen, die auf Hilde Benjamins Anordnung abgeurteilt und hingerichtet wurden. Sie waren nicht die einzigen Haft- und Todesurteile, die nach der Wiedervereinigung in ordentlichen Gerichtsverfahren -oftmals posthum- aufgehoben wurden.

Willibald Diederichs war das Opfer seiner Zeitumstände und von politischen Systemen, die auf unmenschlichen Prinzipien beruhten. Seine Kinder konnten nicht dauerhaft in einer Diktatur leben, die ihre Gegner mit mörderischer Energie verfolgte und ausmerzte. Seine Tochter fand ein neues Leben in Freiheit. Es bleibt die Erkenntnis, dass manches Unrecht sich nicht wieder gut machen lässt. Wir können nur aus der Vergangenheit lernen, die Erkenntnis über das Unrecht in die Gegenwart strahlen lassen und jenen, die uns folgen, eine bessere Zukunft ebnen.

 

 

 

 

 

Weiterleiten:

Anzeigen

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*