War Ludwig XVI. ein Tyrann?

Hinrichtung Ludwigs des XVI. – Kupferstich aus dem Jahr 1793

Ludwig XVI. gilt als gescheiterter Monarch und kommt in den Geschichtsbüchern nicht gut weg. Doch war er auch ein Tyrann, wie ihn die Revolutionsbewegung darstellte? Beim genaueren Hinschauen zeigt sich ein anderes Bild.

Als der abgetrennte Kopf König Ludwigs XVI. von Frankreich (1754 – 1774 – 1793) den Menschen auf dem Platz der Eintracht in Paris präsentiert wurde, ging der Ausruf „es lebe die Nation!“ durch die Menge. Der König aus dem einst mächtigen Hause Bourbon, der zuvor in einem kurzen Prozess wegen „Verschwörung gegen die öffentliche Freiheit und die Sicherheit des gesamten Staates“ von der Nationalversammlung mit dünner Mehrheit zum Tode verurteilt verurteilt worden war, existierte nicht mehr. Dies war eine bedeutende Zäsur in der französischen Geschichte, war doch die Monarchie bis dahin als etwas Heiliges und Gottgegebenes angesehen worden. Die Gewalt endete damit jedoch nicht, sondern sollte sich in den folgenden Monaten im Zuge des sogenannten Terrorregimes weiter entladen. Auch einige der Richter Ludwigs sollten ihr zum Opfer fallen.

Ein Blick hinter die Kulissen
Doch kann man Ludwig XVI. wirklich vorwerfen, sein Volk verraten zu haben? Setzen wir seinen Prozess als Maßstab an, werden wir kein gerechtes Urteil finden, denn dieser war nichts weiter als ein Schauprozess. Sein Prozess hatte einen entscheidenden Makel: die Ankläger waren zugleich die Richter. Darauf wies Ludwigs Anwalt Raymond de Sèze in seinem Plädoyer hin, was jedoch nichts an dem Verfahren änderte.
Einer der Hauptanklagepunkte war der Sturm auf den Tuilerien-Palast am 10. August 1792. In einer perfiden Verdrehung der Tatsachen warf die Nationalversammlung Ludwig vor, für die Toten bei diesem Ereignis verantwortlich zu sein, und vertauschte Täter und Opfer. In der aufgeheizten Stimmung des revolutionären Paris und unter dem Eindruck des Vormarsches ausländischer Truppen gegen die Grenzen Frankreichs war an jenem Tag eine bewaffnete Menge gegen den Tuilerien-Palast gestürmt, in dem sich der König aufhielt. Um dem wütenden Mob zu entkommen, floh der König mit seiner Familie in die Reithalle, den Tagungsort der Nationalversammlung. Nachdem die Schweizer Garde, die den Auftrag hatte, den König und den Palast zu verteidigen, eine erste Angriffswelle zurückgeschlagen hatte, gab der König seiner Garde den Befehl, die Waffen niederzulegen und sich in ihre Kasernen zurückzuziehen. Daraufhin wurden die Gardetruppen von den Aufständischen gnadenlos niedergemetzelt. Selbst jene, die ihre Waffen niedergelegt hatten und sich in ihre Kasernen begeben hatten, wurden ermordet. Georges Danton hatte am Vorabend des 10. August selbst den Befehl gegeben, Patronen an die Bürger von Paris auszugeben. Als Mitglied der Nationalversammlung sollte er danach einer von Ludwigs Anklägern und Richtern in einem sein. Dem französischen Schriftsteller und Philosophen Voltaire wird der Ausspruch „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat“ zugeschrieben. Die Revolutionären schoben die Verantwortung für die Grausamkeiten, die in jenen Tagen geschahen, auf den König, obwohl sie selbst dafür verantwortlich waren.
Und so steigerte sich die revolutionäre Bewegung, die zunächst durchaus legitime Anliegen vertrat, in immer neue Hysterien und Orgien der Gewalt. Die Haushälterin der Königin, Prinzessin von Lamballe, wurde vom Mob ermordet und ihr abgetrennter Kopf sowie ihr herausgerissenes Herz auf Spießen vor dem Gefängnis des Königs aufgestellt. Jeder, der verdächtigt wurde, anders zu denken, wurde des Verrats bezichtigt und hingerichtet. Denn die revolutionäre Bewegung erhob einen Anspruch der alleinigen Wahrheit, der selbst jenen des Absolutismus übertraf.
Schließlich vernichtete die Bewegung selbst ihre einstigen Führer. Zunächst gemäßigte Stimmen wie Antoine Barnave. Später selbst die radikalen. Danton, Robespierre, Saint-Just, sie alle landeten auf dem Schafott.

Ludwig XVI. als junger Prinz im Jahre 1775
Ludwig XVI. als junger Prinz im Jahre 1775

Die falschen Charaktereigenschaften zur falschen Zeit
Ludwig XVI. kann man vorwerfen, phlegmatisch und entscheidungsschwach gewesen zu sein. Im Geiste des Absolutismus erzogen, hielt er ein Leben lang an dem Prinzip der Unantastbarkeit der Monarchie fest und verkannte die enormen sozialen Spannungen und Bewegungen, die Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert erfassten. Am Tag der Erstürmung der Bastille in Paris, dem 14. Juli 1789, schrieb der König in sein Tagebuch lediglich das Wort rien, nichts. Die Gefahr durch die sich entfaltende Revolution unterschätzte er gewaltig und die Liebe seiner Untertanen überschätzte er in fataler Weise. Die Tage seiner Krönung, als die Menschen am Straßenrand „vive le roi!“, es lebe der König, gerufen hatten, waren lange vorbei.
Für die Gedanken der Aufklärung hatte Ludwig nichts übrig. Dennoch war er keineswegs ein Tyrann. Da gab es andere Monarchen aus dem Hause Bourbon, die sich weitaus tyrannischer verhalten haben. Im Gegenteil, Ludwig XVI. kann man sogar als einen der gutmütigsten unter den Königen Frankreichs bezeichnen. Seine Unentschlossenheit und Planlosigkeit trafen nur zufällig auf eine Zeit enormer sozialer Umwälzungen und Aufklärung. Unglücklicherweise waren die späten 80er Jahre des 18. Jahrhunderts auch noch von Missernten und Hungersnöten gekennzeichnet, was die soziale Ungleichheit offenbarte und die Spannungen enorm verstärkte. Der König selbst versuchte, die Hungersnöte abzumildern und betrieb persönlich keinen verschwenderischen Lebensstil. Als die Atmosphäre in und um Paris immer hitziger wurde, versuchte Ludwig bei all seinen Entscheidungen, ein Blutvergießen seiner Untertanen zu vermeiden und gab eher den bedrohlichen Revolutionären nach, als eine weitere Eskalation der Gewalt zu riskieren. Die Revolutionäre warfen Ludwig vor, aus Paris geflohen zu sein, um mit ausländischen Mächten gegen die Revolution zu konspirieren. Tatsächlich hatte Ludwig bereits vor der Flucht nach Varennes in Versailles und Paris mehrere Gelegenheiten zur Flucht, die ihm von seinen Ministern angeraten worden waren, ausgeschlagen. Grund dafür war sein naives Vertrauen in die Verbindung zwischen ihm und seinem Volk. Erst als das Umfeld in Paris zu bedrohlich wurde, ließ sich der König zur Flucht gen Osten überreden, die jedoch so fahrlässig verlief, dass der König aufgehalten und nach Paris zurück gebracht wurde.
Auch hätte der König bis zur Flucht aus dem Tuilerien-Palast jederzeit seine loyalen Truppen einsetzen können, um die Revolution mit Gewalt niederzuschlagen oder zumindest, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Doch das entsprach nicht seiner Natur. Im Gegensatz zu vielen anderen Monarchen Europas war Ludwig XVI. sichtlich darum bemüht, Blutvergießen zu vermeiden.



Man kann Ludwig vorwerfen, während seiner letzten 2 Jahre in Paris ein doppeltes Spiel gespielt zu haben. Zweifellos bekannte er sich einerseits ab dem Umzug in den Tuilerien-Palast öffentlich zur Revolution, während er andererseits im Verborgenen Netzwerkarbeit betrieb, um einzelne Forderungen der Revolution zu hintertreiben. Kann man es ihm verübeln? Er stand für die Prinzipien ein, als deren Hüter er erzogen worden war. Dass er seine Entscheidungen im mörderischen Umfeld des revolutionären Paris‘ nicht mehr aus freien Stücken tat, gab Ludwig in Schriftstücken zu und wurde von einem zeitgenössischen Karikaturist pointiert dargestellt. Die Karikatur zeigte den König mit der Feder an einem Schreibtisch sitzend in einem Käfig. Titel der Karikatur „die freie Entscheidung“.

"Was machst du da, Schwager?" - "Ich gebe statt."
„Was machst du da, Schwager?“ – „Ich gebe statt.“

Der Vorwurf, dass er für das Blutvergießen seiner Untertanen verantwortlich wäre, kränkte Ludwig mehr als alles andere und er wies ihn in seinem aussichtslosen Prozess entschieden zurück: „Ich habe niemals gefürchtet, dass meine Handlungen öffentlich untersucht werden würden, doch mein Herz ist zerrissen, da die Anklage den Eindruck vermittelt, ich hätte das Blut des Volkes verschütten wollen, und vor allem dass das Unglück des 10. Augusts mir angelastet wird.“

Die letzten Worte von König Ludwig XVI. auf dem Schafott waren dann auch Worte der Güte: „Volk, ich sterbe unschuldig! Ich vergebe den Urhebern meines Todes! Ich bitte Gott, dass mein Blut nicht auf Frankreich zurückfällt.“

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