Otto Ubbelohde – Begabter Künstler, Gesellschaftskritiker und verirrter Patriot

lllustration zum Märchen "Die drei Sprachen", Otto Ubbelohde

Der mittelhessische Künstler Otto Ubbelohde ist weltweit bekannt vor allem durch seine 447 Illustrationen  der  Märchen der Brüder Grimm. Neben seiner Kunst tat sich Ubbelohde als Naturästhet und Kritiker der Auswüchse der Industrialisierung hervor. Dennoch ließ er sich vom nationalistischen Taumel des Ersten Weltkriegs verleiten. Eine Würdigung zum 150. Geburtstag dieses vielseitigen Charakters von Bernd Lindenthal.

Ausbildung in München
Otto Ubbelohde wurde am 5. Januar 1867 in Marburg geboren. Bereits in der Schule fiel sein Zeichentalent auf. Nach dem Abitur am Philippinum schickte ihn sein Vater, ein Marburger Universitätsprofessor, nach einigem Zögern an die Kunstakademie nach Weimar. Diese verließ der junge Mann rasch wieder, um sein Studium in der Kunstmetropole München fortzusetzen, wo der Naturalismus und der Impressionismus stark vertreten waren. Im Nachhinein allerdings sieht er diese Zeit kritisch: „Ich habe als junger Dackel unendlich viel Zeit verplempert an der Münchner Akademie.“ Über seinen Lehrer Ludwig von Löfftz urteilte er später: „…wir standen doch eigentlich hilflos da, wussten kaum, was wir wollten, und hatten von unserem Meister eine große Scheu vor starken Farben gehabt. Wir (…) verachteten jedes starke Rot oder Gelb als brutal. Wir haben alle mit schweren Mühen diese Farbenscheu später bekämpfen müssen, und ich leide noch heute und wahrscheinlich für immer daran.“ (Brief vom 20.6.1915) Der ornamentalen Überfülle des Jugendstils ist er nicht geneigt, wird aber Mitglied der Münchner Sezession, einer Gruppe, die sich vom konservativen staatlichen Kunstbetrieb abwandte. Immer wieder zieht es ihn zur Landschaftsmalerei im Freien in das Dachauer Moos, auf die Insel Reichenau und nach Worpswede. Er übt sich in der Kunst der Radierung und zeigt großes Interesse am Kunsthandwerk. Zusammen mit seiner Kusine Hanna Unger, die er 1897 geheiratet hatte, ist er auf der Pariser Weltausstellung 1900 mit einem Wandschirm vertreten.

Hausbau in Goßfelden
Die Entscheidung 1898, in Goßfelden bei Marburg ein Haus zu bauen – begünstigt durch ein Erbe nach dem Tod des Vaters – , signalisiert, dass er weder in München noch in Worpswede eine künstlerische Heimat finden konnte und unterstreicht, dass er inzwischen seinen eigenen Stil und Weg gefunden hat. Das Haus entwickelt sich vom Atelierraum nach mehreren An- und Umbauten zu einem großzügigen und naturverbundenen Anwesen, abseits des Dorfes gelegen, umsäumt von dichten Hecken und vom Künstler mit Pappeln, Weiden und Birken bepflanzt. Es ist mit seinem großen Garten und der Inneneinrichtung ein Musterbeispiel der damaligen Lebensreformbewegung.
Die Kosten zwingen ihn aber auch zu ungeliebten Auftragsarbeiten: „Es ist sowieso mehr, als mir lieb ist, der Fall, dass ich um das tägliche Taschengeld Exlibris und andere Zettelchen zeichnen und radieren muss, und dass mir dadurch die Zeit zerrissen wird. Ich möchte jetzt einmal einigen Motiven, um die ich schon seit Jahren platonisch werbe, ernst zu Leibe gehen“ (Brief Dez. 1912) und ein Jahr später: „Mir hängt die Zeichnerei zum Halse heraus, aber da es mit dem Bilderverkauf doch recht dünne aussieht, bleibt nichts anderes übrig, zumal wir uns im nächsten Jahr noch einmal einen großen Anbau leisten wollen. Wir haben diesmal einen wirklichen Architekten, und unser Haus ist dann nicht nur sehr nett, sondern auch sehr geräumig und bequem, fast fürstlich.“ (Brief Dez. 1913)

Arbeit um´s tägliche Brot
1922, wenige Monate vor seinem Tod, schreibt er, vielleicht in Sorge um seine künstlerische Gesamtbewertung: „Es ist m. E. nicht richtig, aus allen diesen Zetteln eine künstlerische Entwicklung herauszukonstruieren. Die meisten Themen waren gegeben, und die ganze Geschichte mir sehr oft zum Kotzen, so dass in diesen Fällen nur von Arbeit um´s tägliche Brot, nicht aber von irgend einer Freude an der Arbeit die Rede sein kann. Diese ganze Exlibrisgeschichte ist überhaupt ein Hokuspokus und eine Landplage.“ Nichtsdestotrotz sind seine 242 Bucheignerzeichen in ihrer Einfachheit von hoher künstlerischer Qualität und sie sind eine sehr lukrative Erwerbsquelle.

Auch eine weitere Nebenverdienstmöglichkeit, die Annahme von Malschülern, macht ihn nicht glücklich. 1901 klagt er: „Und dann kommen meine 5 Hühnchen wieder; das wird fürchterlich werden, wenn die draußen sündigen.“ 1909 schreibt er gar: „Ich stöhne arg über meine talentlosen Malweiber.“

Beziehungen zur Schwalm
Seit 1902 besucht er regelmäßig die Willingshäuser Malerkolonie und nimmt auch Schüler mit dorthin. Carl Bantzer, der Ubbelohde sehr schätzte, notiert: „1902 hatten wir die Freude, auch Otto Ubbelohde in Begleitung seiner Gattin, sowie der Malerin Auguste Schebb und einer Schülerin einige Wochen unter uns in Willingshausen zu sehen.“ Er habe hauptsächlich Zeichnungen angefertigt, nach denen er später Radierungen schuf. „Diese schönen Radierungen zeugen sowohl von Ubbelohdes starker Empfindung für die Größe der Landschaft, als auch von seiner Meisterschaft, sie kraftvoll und technisch vollendet darzustellen.“ Bantzer erwähnt besonders die Radierung „Feldweg bei Gungelshausen“ 1908 und beklagt bei dieser Gelegenheit die Zerstörung der Landschaft: „Solche Quarzitblöcke, wie sie die Ubbelohdesche Radierung zeigt, bedeckten vor etwa 30 Jahren noch einen großen Teil der Anhöhe östlich Merzhausen, der Struth, bis zum Zella´schen Kopf, dazwischen wuchs Heidekraut, Wachholder, Birken und Kiefern, die hier und da kleine Wäldchen bildeten. Allmählich wurden die Quarzite alle gesprengt, der ganze Boden unter den Pflug genommen und auch das schöne Eichenwäldchen vor Gungelshausen, in welchem auch überall Quarzitblöcke lagen, musste bei der Verkoppelung der Gemarkung Gungelshausen beseitigt werden, um fruchtbares Land zu schaffen. Auch die Schafherden, die dort weideten, verschwanden. Die Schönheit der Landschaft musste durch diese notwendigen Maßnahmen große Einbuße erleiden, aber es wäre doch leicht möglich gewesen, an Wegrändern einige Quarzitblöcke liegen zu lassen, nicht nur der landschaftlichen Schönheit wegen, sondern auch um der Jugend und der Nachwelt zu zeigen, wie die Oberfläche des heimatlichen Bodens entstand und früher aussah.“ Ebenso bedauert er, dass in den Feldern jeder Baum verschwunden sei und auf dem Zella´schen Kopf eine schöne Baumgruppe durch die Anlage eines Quarzitbruches zerstört worden sei.

Hier gibt es Berührungspunkte zwischen Ubbelohde und den Willingshäuser Malern. In einem Brief an Bantzer vom 20. Oktober 1903 schildert er die Sünden vor der eigenen Haustür: „Es sind uns in diesen Tagen viele traurige Gedanken durch den Kopf gegangen und wir sind ziemlich entschlossen, auf etwa zwei Jahre von hier fort zu gehen und unser Häusel leer stehen zu lassen (…) Ich kann´s nicht mehr mit ansehen, wie hier alles vernichtet wird, an dem wir jahrelang unsere Freude und einen hohen künstlerischen Genuss gehabt haben. Ich glaube, es bleibt hier unten im Tal auch nicht einer von den großen Bäumen stehen, die kleinen Altwasser werden zugeschüttet und unglaublich scheußliche Wege führen zu den Verkoppelungsmotiven. Ich möchte immerfort heulen wie ein Kettenhund und ich gehe ganz kaputt in ohnmächtigem Zorn.“ Er verachtet die Ingenieure, die „durch die herrlichsten Sachen ihre Lineale legen“ und fährt sarkastisch fort: „Eines darf man ja nicht vergessen: An das Schönste und das Höchste kann nicht einmal ein Geheimer Ober-Regierungsrat (…) Wolken werden immer noch nicht viereckig (…) Es lebe Preußen und die Linealkunst.“

Otto Ubbelohde
Ubbelohde unterhielt freundschaftliche Beziehungen in die Schwalm. Motive von dort verwendete er immer wieder.

Für Baumpacht – gegen „Reklameschweine“
Aber Ubbelohde verharrte nicht in ohnmächtigem Zorn. Er schloss im November 1904 mit der Nachbargemeinde Sarnau einen „Baumpachtvertrag“, wodurch er 51 Bäume vor der Axt bewahrte, indem er für ihren Erhalt jährlich 1 Mark pro Baum zahlte. 50 Pfennige gab er für die Neuanpflanzung eines Baumes. Kaum war Ubbelohde gestorben, ließ die Gemeinde alle geschützten Bäume fällen! Außer zu Bantzer hatte Ubbelohde noch zu Wilhelm Thielmann eine besondere freundschaftliche Beziehung. Der Willingshäuser trug ihm die Taufpatenschaft für seinen Sohn Konrad an (1.1.1914). Außerdem zählte der exzellente Zeichner und Radierer Hermann Kätelhön zu Ubbelohdes Schülern.

Seit 1900 ist Ubbelohde Gründungsmitglied des Marburger Zweiges des Bundes Heimatschutz, der sich um die Pflege und den Erhalt des Landschaftsbildes und von Bauwerken bemüht. Erfolgreich setzt er sich z. B. für die Bewahrung des historischen Marburger Arbeitshauses und des St. Jakob Hospitals in Weidenhausen ein und führt einen langen Kampf gegen die „Reklameschweine“, das heißt „das immer mehr überhand nehmende Reklamewesen längs der Eisenbahnen.“

Ob die Annahme einer Professur an der Karlsruher Kunstgewerbeschule mit der „gründlichen Verhunzung unserer Landschaft“ im Zusammenhang steht, sei dahin gestellt. Er tritt die gut dotierte Stelle im April 1905 an, freut sich über ein kostenfreies Atelier, sinniert aber darüber, dass seine Frau den täglichen Aufenthalt im Freien ebenso vermissen wird wie er und legt sein Amt im Juli wieder nieder.

Illustrator der Grimms Märchen
1906 beginnt Ubbelohde damit, die Märchen der Brüder Grimm neu zu illustrieren. Diese große Arbeit wird ihn drei Jahre in Anspruch nehmen und er hat Freude daran, auch wenn er über die Hetzerei stöhnt. Kurz vor Abschluss schreibt er: „In 10 Tagen etwa bin ich mit den Grimmschen Märchen fertig. Ein enormer Wackerstein wird mit Gepolter aus meinem Innern fallen.“ Obgleich er schon vorher als Illustrator erfolgreich war, steigern die Märchenzeichnungen seine Popularität in ganz Deutschland und der Welt enorm, sichern ihm die ökonomische Unabhängigkeit und bescheren ihm unzählige weitere Aufträge. Doch sein Interesse scheint erlahmt: „Dies verfluchte Zeichnen! Ich bin jetzt so weit, dass ich mich übergebe, wenn einer daher kommt, ich soll ihm Märchen oder Sagen illustrieren.“ (Brief vom 28.2.1912) Die dem Jugendstil verwandten, in der hessischen Landschaft angesiedelten naturalistischen Illustrationen bestätigen Ubbelohdes hohe Zeichenkunst und geben den Grimmschen Märchen, die ja sehr heterogen sind, einen einheitlichen Duktus. Leider wird seine Kunst in der „Grimmwelt“ in Kassel völlig ignoriert.

Hessenkunst
Die Hefte des „Hessenkunst“-Kalenders, die von 1906 bis 1931 erscheinen und an deren Illustrierung er maßgeblich beteiligt ist, sichern ihm ebenfalls regelmäßige Einkünfte und steigern seine Bekanntheit. Als dem Anspruch nach Kalender für alte und neue Kunst nutzt er aber tatsächlich seinen Einfluss zur Abwehr moderner, besonders expressionistischer Kunst. Ubbelohde gestaltet acht Hefte maßgeblich, der letzte mit seinen Zeichnungen erscheint posthum 1924. Die anderen Illustratoren kommen überwiegend aus dem Kreis der Willingshäuser Malerkolonie.

Otto Ubbelohde
Der Wetzlarer Dom und die alte Lahnbrücke

Im Dienst der Kriegspropaganda
Bei Ausbruch des Krieges scheint Ubbelohde wie so viele andere Künstler dem nationalen Taumel verfallen, denn er meldet sich trotz seiner 47 Jahre freiwillig zum Kriegsdienst. Einen vergleichbaren übersteigerten Patriotismus kenne ich nur von dem sogar ein Jahr älteren Hermann Löns. Während dieser sein Begehren durchsetzen konnte – und bei seinem ersten Einsatz im September 1914 getötet wurde – , erhielt Ubbelohde eine Ablehnung und steht aufgrund des Hindenburgschen Hilfsdienstgesetzes ab 1917 als Lazarettschreiber in Marburg und später als Hilfe des Bürgermeisters von Goßfelden in vaterländischem Dienst. Als der Herausgeber der „Hessenkunst“ für eine Kriegsausgabe Zeichnungen von ihm wünscht, antwortet er: „Natürlich mache ich da mit (…) Haben will ich nichts dafür, nur die Originale behalten.“ Im Vorwort des Kalenders heißt es, Deutschlands Kampf um seine Weltstellung lasse „auch neues Leben, neuen Inhalt, neuen Aufschwung für unsere Kunst erhoffen (…) Ubbelohdes Bilder sollen dazu den Unterton der Zeitstimmung geben.“ In der Folgezeit liefert er Etliches an Kriegspropaganda bis zum bitteren Schluss ein Plakat zur 9. Kriegsanleihe für das Marburger Bankhaus Baruch Strauss. Eine ganzseitige Zeichnung in der „Hessenkunst“ 1914/15 zeigt einen übergroßen germanischen Kriegsgott mit Steinaxt über einer seiner typischen Landschaften, in der Soldaten einem Fluss zu schlendern. Dieses Motiv ist auch als Propagandapostkarte bei Elwert erschienen mit der Unterschrift „Frischauf mein Volk, Die Flammenzeichen rauchen!“ Aus Mangel an eigener Kriegserfahrung bedienen sich seine Zeichnungen – anders als bei dem holländischen Zeichner Louis Raemackers – häufig Szenen der Ritterromantik. Die Soldaten sind mit Lanze, Schwert, Beil und Schild ausgerüstet, während tatsächlich ein industrialisiertes Gemetzel gigantischer Größenordnung tobte. Viele seiner Arbeiten sind kriegsbejahend, so z. B. eine Zeichnung mit der Unterschrift: „Kein schöner Tod ist in der Welt, als wer vom Feind erschlagen“, aber es finden sich auch schon früh nachdenkliche, empfindsame Arbeiten, wie „Weihnachten“ im Kriegskalender 1914/15, „Im Turkograben“, „Denn wir fahren gegen Engeland“ und „Feldpostbrief“ mit der Nachricht vom getöteten Familienvater. Auch die häufige Thematisierung des Todes passt nicht zu einer typischen Kriegspropaganda, die den Tod eher ausblendet oder ästhetisiert.

Die Jahre 1915 und 1916 bringen ihm kaum Aufträge, so ist er nicht wählerisch und zum Teil auch ideologisch empfänglich. Ubbelohde scheint vom Weltkrieg wenig berührt, vielleicht weil er auch den Kriegstod in den natürlichen Kreislauf von Leben und Tod stellte und damit „die Idee der Lebensreform überstrapaziert“ hat (Ludwig Rinn).



Ehre für ein arbeitsreiches Leben
Im 50. Lebensjahr darf er besondere Ehren genießen. Der preußische Kultusminister ernennt ihn zum Professor, die Universität Gießen zum Ehrendoktor und die Marburger Universität zum Ehrensenator. Am Ende kann Ubbelohde auf ein arbeitsreiches Leben zurückblicken. Zu 122 Büchern, Kunstmappen, Kalendern, Zeitschriften und Fremdenführern steuerte er Zeichnungen bei, tausende Bleistift- und Federzeichnungen sowie Radierungen entstanden, dazu über 400 kleinere und größere Gemälde. Auch wenn er in den mittelhessischen Raum verortet wird, er illustrierte auch einen Führer durch Lübeck und Tübingen, radierte die Marktkirche in Halle, die Wartburg und schuf ein Wandbild für die Jenaer Universität. Auf großen Kunstausstellungen war er häufig vertreten, die erste Einzelausstellung widmete ihm Gießen 1913, die anschließend von Marburg übernommen wurde.

Otto Ubbelohde
Eines der ganz wenigen Selbstbildnisse (1917)

Er sah sich als Maler
Nach Hans Laut, seinem ersten Biographen 1943, litt Ubbelohde an Melancholie und war oft tief pessimistisch, vor allem aber litt er daran, dass die unzähligen Illustrationsarbeiten seiner eigentlichen künstlerischen Berufung und Anerkennung als Maler im Wege standen. 1920 erkrankte er an Krebs, zwei Operationen im folgenden Jahr konnten nicht helfen, er starb am 8. Mai 1922 in Goßfelden. Noch auf dem Sterbebett erreichte ihn der Auftrag zu einem großen Gemälde mit der Amöneburg. Seine Witwe bemühte sich sehr um den Erhalt des Nachlasses. Die Originalfederzeichnungen zu den Grimms Märchen hatte sie großzügig dem Landratsamt in Marburg geschenkt. Dort hängen heute viele Kopien davon in den Fluren, die Originale hat das Amt der Ubbelohde-Stiftung nach Goßfelden als Dauerleihgabe gegeben. Der Kreis vergibt zudem seit 1987 als höchste Auszeichnung im Kulturbereich jährlich den Otto-Ubbelohde-Preis. Da die Ehe kinderlos geblieben war, adoptierte Hanna Ubbelohde 1926 Hermann Doering, der mit einer Nichte von ihr und Otto verheiratet war. Die Doerings übergaben das Erbe Ubbelohdes einer Stiftung. Nach langen und behutsamen Instandsetzungsarbeiten konnte das Otto-Ubbelohde-Haus 1999 der Öffentlichkeit übergeben werden.
Tradition oder Moderne ?
Manche Kritiker haben in Ubbelohdes illustrativem Werk, besonders in den Märchenzeichnungen, seine Trauer über den Verlust einer alten Ordnung gesehen, einer „bei allen Widrigkeiten doch gerechte und sinnvoll geordnete Welt“ (Günther Hampel). Es ist auch auffallend, dass Ubbelohdes Landschaften fast menschenleer sind, und wo Menschen abgebildet sind, sie auf ihre äußere Kontur reduziert, oft nur im Umriss gezeichnet sind und wie Scherenschnitte wirken. Scheinbar war er an den individuellen Charakteren, anders als z.B. Carl Bantzer, in seiner Kunst nicht interessiert. Hans Laut hat ihm eine „heroische Naturauffassung“ bescheinigt und auch Bernd Küster (1984) spricht von einer oft romantisch gefärbten „Naturgläubigkeit.“ Möglicherweise drückt sich in seinem ganzen Werk eine Auffassung von Natur aus, die unabhängig und ewig existiert, die nichts von uns weiß (R.M.Rilke) und uns auch nicht braucht, ja in der der Mensch eher stört, weil er die Schönheit der Landschaft einem geschäftigen Nützlichkeitsdenken unterwirft und sie dabei übermäßig verbraucht und zerstört. Der Rückzug in die scheinbar unverfälschte Natur, das Tragen von Tracht, das Sammeln bäuerlicher Kulturgüter, der Gemüsegarten haben daher etwas resignatives und individuelles ebenso wie die Verklärung der vorindustriellen Agrargesellschaft als verlorenes Paradies in der Willingshäuser Malerkolonie. Die in der heilen Landschaftsmalerei stumm implizierte und bei Ubbelohde auch laute Anklage gegen Naturverschandelung und Zerstörung von Kulturdenkmälern hat aber einen sehr aktuellen Aspekt. Blinder Fortschrittsglaube und unkritische Technikbegeisterung führen ebenso in eine Sackgasse wie Technikverteufelung und Kulturpessimismus die Sicht verstellen. Es kommt darauf an, Technik und Fortschritt so zu nutzen, dass Natur und Umwelt geschont werden und der Mensch nicht als lästiger Kostenfaktor ausgeschieden wird. Auch heute noch schreitet die Bedrohung der Umwelt, angetrieben durch ein unersättliches Wachstumsdenken, kaum gehindert voran. So gesehen ist Ubbelohde doch ein Moderner gewesen.

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