Der falsche Held – Hindenburg entblößt

Paul von Hindenburg
Ankunft des Reichspräsidenten Hindenburg und des preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun zur Feier anlässlich des Endes der alliierten Besatzung des Rheinlands in Koblenz am 22. Juli 1930.

Niemand wurde während des Ersten Weltkrieges in Deutschland so sehr verehrt wie Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Nach dem Einfall der Russen in Ostpreußen aus dem Pensionärsleben reaktiviert, genossen General Erich Ludendorff als erster Quartiermeister, und noch mehr er selbst als „Sieger von Tannenberg“ den Ruhm als Volkshelden. Doch ist dieser Ruhm berechtigt? Ein Beitrag von Bernd Lindenthal.

Als im Juli 1916 eine große französisch-britische Offensive an der Somme losbrach, bald darauf Rumänien und Italien gegen Deutschland und Österreich in den Krieg eintraten, entließ Kaiser Wilhelm II. Erich von Falkenhayn, dem der Durchbruch in Verdun nicht gelungen war. Nun setzte er alles auf die Karte Hindenburg und Ludendorff und etablierte das Feldherrenduo am 29. August 1916 als dritte und letzte Oberste Heeresleitung.

Der „Wetzlarer Anzeiger“ jubelte am 31. August: „Wie ein Blitz aus heiterem Himmel, aber wie ein Blitz, der erleuchtet und erwärmt, der in ungeahnte Weiten und Höhen weist, hat die Ernennung des Generalfeldmarschalls Hindenburg zum Chef des Generalstabes des Feldheeres gewirkt. (…) Die Berufung Hindenburgs an die Spitze der Gesamtleitung bedeutet nicht nur zweckmäßigste und wirksamste Zusammenfassung aller verfügbaren Kräfte, sie bedeutet darüber hinaus für das gesamte deutsche Volk, ausnahmslos für jeden einzelnen Deutschen eine neue unantastbare Siegeszuversicht und unendliches, unerschütterliches Vertrauen. (…) Wenn die opferfreudige Kampfentschlossenheit des deutschen Soldaten, wenn seine todesmutige Hingabe im Kampfe für die Ehre und Größe des Vaterlandes noch einer Steigerung fähig war, wenn es darauf ankam, dem deutschen Volke das Gewissen zu schärfen für das, was auf dem Spiele steht und was bis zum vollen anerkannten Siege noch geschehen muss, so hat die Berufung Hindenburgs eine solche Wirkung ausgeübt. Einen Mann wie Hindenburg lässt kein Deutscher im Stich. Für die unter seinem Befehl kämpfenden Truppen ist keine Aufgabe, keine Mühe zu schwer, kein Ziel zu weit. (…) weil dieser Mann für das gesamte deutsche Volk der Träger höchsten Vertrauens, der Vertreter unseres unbeugsamen Siegeswillen, weil er alles in allem die stärkste Siegesbürgschaft ist, die wir unser nennen. In einer Zeit, in der übermächtige Feinde die Nation von allen Seiten bedrängen und einschließen, müssen alle inneren und äußeren Meinungsverschiedenheiten aufhören, müssen alle anderen Wünsche und Interessen schweigen, und es darf nur eins die Losung sein: dass wir siegen! (…) Gleich die erste Gelegenheit, in diesem Sinne zu handeln, die neue Kriegsanleihe, soll benutzt werden, um dem Generalfeldmarschall Hindenburg den Beweis zu liefern, dass das deutsche Volk die Schwere der Aufgabe und der Verantwortung, die jetzt auf ihm ruhen, richtig würdigt, dass es weiß, was es dem einzigen Manne, seinem Namen und seiner Stellung schuldig ist.“

Paul von Hindenburg
Hindenburgverehrung in der Schwalm durch den Künstler Emil Beithan

In der Schwalm drückte der Maler Emil Beithan (1878 – 1955) die Hindenburgverehrung in einem eigenen Motiv innerhalb seiner Kindersoldaten-Serien aus (siehe Abbildung). Beithan malte in dutzenden Varianten schwälmer Kinder in Szenen an der Heimatfront (Abschied, Heimkehr, das Eiserne Kreuz, der Feldpostbrief usw.). In unserem Falle betrachten eine kleine Schwälmerin und ein kleiner „verwundeter“ schwälmer Junge andächtig ein großes, im Schaufenster ausgestelltes Porträt des Volkshelden. Als Feldpostkarten hatten Beithans Illustrationen eine hohe Auflage und große Verbreitung.

Die Entscheidung für Hindenburg war eine für die Politik des militärischen Gesamtsieges und gegen die Politik der Friedensbemühungen, zum Beispiel in einem Separatfrieden mit Russland oder einer Verständigung mit England. Eine der ersten Forderungen des mächtigen Duos war die nach einer Verdoppelung der Munitions- und Minenwerferproduktion sowie einer Verdreifachung der Geschütz-, Maschinengewehr- und Flugzeugproduktion und der Produktion von Material für den Stellungsausbau bis Frühjahr 1917.

Paul von Hindenburg
Handschreiben Hindenburgs zur 5. Kriegsanleihe (Wetzlarer Anzeiger, 21.9.1916)

Die Pflicht zur Kriegsanleihe
Zu diesem Zwecke sollte nicht nur, sechs Monate nach der letzten, die fünfte Kriegsanleihe die nötigen finanziellen Mittel aufbringen, Hindenburg forderte auch die totale Militarisierung der Wirtschaft und die totale Mobilisierung aller materieller und menschlicher Ressourcen. Für die fünfte Kriegsanleihe, „die Waffe der Daheimgebliebenen“, machte er sich persönlich stark. Der „Wetzlarer Anzeiger“ druckte einen handgeschriebenen Aufruf des Heros (siehe Abbildung) mit folgenden Worten: „Das deutsche Volk wird seine Feinde nicht nur mit dem Schwerte sondern auch mit dem Gelde schlagen. Das wird die Kriegsanleihe beweisen. Gr[oßes] H[aupt] Qu[artier] 11.9.1916.“ (Wetzlarer Anzeiger vom 21.9. und 2.10.1916)

Paul von Hindenburg
Aufruf zur 5. Kriegsanleihe (Wetzlarer Anzeiger, 2.9.1916)

Firma ohne Müßiggänger
Die Vorstellungen Hindenburgs mündeten im Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst, das für alle männlichen Deutschen vom vollendeten 17. bis zum vollendeten 60. Lebensjahr eine Dienstpflicht vorsah und das der Reichstag am 6. Dezember 1916 in Kraft setzte. Die von Hindenburg gewünschte Inpflichtnahme auch der weiblichen Bevölkerung hatte die Regierung abgelehnt. Das Gesetz sah auch die Schließung nicht kriegswichtiger Betriebe vor. Der „Wetzlarer Anzeiger“ erläuterte seinen Lesern Sinn und Zweck des Gesetzes: „Viele, deren rastloser Fleiß bisher in der Heimat unentbehrlich war, müssen in die Reihen der Soldaten eintreten. Und dafür müssen nun viele, die bisher nur Zuschauer und doch durch ihre Zuversicht, ihre Liebe, ihre Dankbarkeit wertvoll waren, ihr Gefühl in Tat umsetzen und die Arme rühren. (…) Denn es darf heute keine einzelnen mehr geben. Ein jeder nahm im Frieden teil an den Wohltaten der Volksgemeinschaft, keiner darf jetzt, da die Gemeinschaft um Sein oder Nichtsein mit aller Anspannung der Kräfte ringt, mit untätigen Händen abseits bleiben. Dieser ungeheure Krieg erlässt uns nichts, will alles von uns. (…) Hören wir auf den Ruf der Stunde! Dann wird es ein Bild werden, würdig des Bildes der ersten unvergessenen Mobilmachungstage: wie damals jeder Wehrhafte zu den Waffen eilte, so werden jetzt die Arbeitsfähigen die Werkstätten, Fabriken, Schreibstuben füllen. (…) Nur wer jetzt im Kampf die Arme rührt, wird das innere Recht haben, auch an den kommenden Taten des neuen, freien, stolzen, glückhaften Volkes der Deutschen mitzuarbeiten.“ (Wetzlarer Anzeiger, 1. 12. 1916)

Paul von Hindenburg
Kriegsanleihe für das Hindenburg-Programm (Wetzlarer Anzeiger 9.9.1916)

Am 5. Dezember 1916 schwärmte der „Wetzlarer Anzeiger“: „Nachdem der Reichstag am 2. Dezember den Gesetzentwurf über den Vaterländischen Hilfsdienst mit erdrückender Mehrheit angenommen hat, kann die Firma Deutschland ihren Riesenbetrieb eröffnen. Dem Genie Hindenburgs ist der Gründungsgedanke entsprungen, (…) Wir müssen neue Fabriken, neue Werkstätten anlegen, müssen in Ost und West, in Nord und Süd neue Mittelpunkte für industrielle Arbeit schaffen, um den übermenschlichen Anforderungen unserer Feinde den Rang ablaufen zu können. Hier taucht jetzt unweigerlich der Diktator auf, nach dem in den Meinungskämpfen um die beste Form unserer Lebensmittelversorgung vergeblich gerufen worden ist. Ohne Eingriffe in die persönliche Freiheit und die wirtschaftliche Selbstbestimmung des einzelnen kann es natürlich nicht abgehen. Ohne Disziplin und willigen Gehorsam sind Massenleistungen nicht zu erzielen, und in dem Lebenskampf eines großen Volkes müssen alle ihr liebes „Ich“ den höheren Zielen der Gesamtheit unterordnen (…)“ Es dürfe „daheim keine Müßiggänger geben (…) alle Kräfte [müssen] dem einen Ziel des sieghaften Durchhaltens nutzbar gemacht werden. (…) Die Saat reift schon, sagte General Gröner. Das Heer an der Front spürt schon die Rückendeckung, die Wirkung des Gesetzes, noch bevor es in Kraft ist. Und auch die Wirkung auf die Feinde ist aus ihrer Presse bereits deutlich zu erkennen, aus der Furcht, dass die Deutschen auch durchzuführen imstande sind, was sie sich als Ziel gesetzt haben. Daran wird es das Volk gewiss nicht fehlen lassen. In der bisher so glänzend bewährten Einigkeit, die uns unüberwindlich gemacht hat, wird alle Selbstsucht hinter den großen Aufgaben und großen Zielen zurückgestellt werden, ein moralischer Ruck wird abermals durchs Volk gehen, und alle Glieder werden sich willig einfügen lassen in die zu einträchtiger vaterländischer Arbeit gebildete neue Gemeinschaft, die Firma Deutschland.“ Wer Zeitungen in diesem Zeitraum liest, reibt sich die Augen angesichts der deutlichen Anklänge an die Maßnahmen und Propaganda des „totalen Krieges“ ab 1939. Offensichtlich bedeutet Krieg auch immer, den Belagerungszustand über die eigene Bevölkerung zu verhängen.



Hindenburg entwickelte sich zum Ersatzkaiser, Wilhelm II. wurde zum Statisten, Kanzler und Reichstag gebrauchten ihre Macht nicht. Mit der Drohung, den Abschied zu nehmen, setzten Hindenburg und Ludendorff die Siegfriedenpolitik durch. Mit solchen Erpressungen erreichten sie auch den Sturz des ihnen missliebig gewordenen Kanzlers Bethmann Hollweg im Juli 1917 sowie anderer Politiker. Ihre fatale Entscheidung Anfang Januar 1917, England durch einen rücksichtslosen U-Bootkrieg in die Knie zu zwingen, bevor die USA kriegsbereit sind, wurde ohne den Kaiser gefällt und führte zum einkalkulierten Eintritt der USA in den Krieg und damit zur Niederlage. Allein im Jahre 1918 opferten die beiden Feldherren – wobei Ludendorff der eigentliche heimliche Diktator Deutschlands war – in zwecklosen Offensiven noch einmal 1 ½ Millionen deutsche Soldaten. Während auf diese Weise die letzten deutschen Jahrgänge verbluteten, verkündeten sie weiterhin illusionäre Siegeshoffnungen. Völlig überraschend erklärte daher Ludendorff am 1. Oktober 1918 vor den versammelten Offizieren der OHL, dass die endgültige Niederlage bevorstehe, die Verbündeten Bulgarien, die Türkei und Österreich am Ende ihrer Kräfte seien und dass dem Feinde bald mit Hilfe der kampfesfreudigen Amerikaner ein Durchbruch im ganz großen Stile gelingen werde. Auch Hindenburg forderte jetzt ein sofortiges Friedensangebot und schilderte die Lage so, dass der Gegner beständig frische Reserven in die Schlacht werfe, während es unmöglich sei, die eigenen erheblichen Verluste zu ergänzen. Dennoch waren sie so feige, die Verantwortung für die letzten beiden Jahre zu übernehmen und so dreist, diese den bürgerlichen Parteien aufzudrängen und ihnen die Niederlage anzulasten.

Paul von Hindenburg
Hindenburg und Hitler auf dem Weg zu den Feierlichkeiten zum 1. Mai 1933.

Erich Ludendorff hat sich selbst durch seine Teilnahme am Kapp-Putsch 1920, dem Hitler-Putsch 1923 und der Gründung des antisemitischen und republikfeindlichen Tannenbergbundes ins Abseits gestellt. Aber auch Hindenburg hat heute keine Verehrung mehr verdient. Er hat nicht nur jede Friedensinitiative im Ersten Weltkrieg verachtet, sondern auch die Öffentlichkeit mit unerfüllbarer Siegeszuversicht belogen, durch immer weitere ergebnislosen Offensiven das Leiden verlängert und die Niederlage dem Volk, das zu keinem Zeitpunkt etwas zu entscheiden hatte, in die Schuhe geschoben (Dolchstoßlüge). Ferner hat er den nächsten Diktator, Hitler, in die Macht eingesetzt. Frankfurt/M. hat im Jahr 2015 Hindenburg von der Liste seiner Ehrenbürger gestrichen. Gießen und Wetzlar führen den „Volkshelden“ noch immer als Ehrenbürger. Es wäre an der Zeit, diesen Beschluss von 1933 aufzuheben. Neustadt (Kreis Marburg-Biedenkopf) hat immer noch eine Hindenburgstraße im Straßenverzeichnis.

Was denkst du über Hindenburg? Wie sollte man mit dem Andenken an ihn und seine Zeit umgehen? Sollten nach ihm benannte Straßen umbenannt werden? Lass es uns wissen in den Kommentaren.

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