Die Maginot-Linie – Geschichte einer historischen Fehlplanung

Maginot-Linie
Beobachtungsglocke und ausgefahrener Granatwerfer am Ouvrage de Hackenberg

Die Maginot-Linie war das Prestige-Projekt der französischen Regierung der Vorkriegszeit. Doch als der Krieg ausbrach, lief alles anders als geplant.

Der junge Soldat André Rabu, muss sich auf einen ruhigen Dienst als Telefonist eingestellt haben, als er seinen Posten in der Festung Immerhof in Lothringen antrat. War doch seine Dienststelle Teil der berüchtigten Maginot-Linie, die als undurchdringlich galt. Hier würden die Deutschen nicht angreifen. Hier würde der junge Mann aus der bretonischen Provinz Teil eines gigantischen Getriebes sein, das die französischen Ostgrenzen vor dem faschistischen Feind schützen sollte. Leider kam es für André Rabu ganz anders. Schon kurz nach Ausbruch des Krieges sollte er mitten im Kriegsgeschehen stehen.

Wehret den Deutschen
Die französische Politik in den Jahren 1919 bis 1939 war von dem Bemühen bestimmt, einen erneuten Einfall deutscher Truppen in das Gebiet der Republik zu verhindern. Das massenhafte Abschlachten in zähen Grabenkämpfen auf französischem Gebiet, wie man es im Ersten Weltkrieg erlebt hatte, wollte die französische Regierung um jeden Preis verhindern. Deswegen begann man schon früh, ab 1919, mit Überlegungen, wie die Verteidigung der französischen Grenzen ausgestaltet werden konnte.

Darüber, dass Deutschland auch nach dem Versailler Vertrag eine Bedrohung für Frankreich bleiben würde, herrschte weitgehend Konsens. Allein die Demografie deutete daraufhin. Die deutsche Bevölkerung und Wirtschaftskraft war größer als die Frankreichs. Noch dazu waren Teile der französischen Infrastruktur im Ersten Weltkrieg zerstört worden, während Deutschland kaum Kampfhandlungen auf dem eigenen Gebiet zu verzeichnen hatte. Die Befürchtung lag nahe, dass das Deutsche Reich sich eines Tages die Verluste durch den Versailler Vertrag zurückholen wollen würde.

Also setzte sich mit der Zeit die Überzeugung durch, dass man die Deutschen in Zukunft gar nicht erst über die Grenze kommen lassen wollte. Dieses Ziel wollte man mit der Errichtung einer stark befestigten Verteidigungslinie an den Ostgrenzen der Republik erreichen. Dass diese Linie den Umgangssprachlichen Namen „Maginot-Linie“ erhielt, ist aus einem Zufall entstanden. André Maginot war Minister der französischen Regierung und organisierte Finanzmittel für die Verteidigungslinie. Das war eine große Aufgabe, denn die Verteidigungswerke, die die Regierung plante, waren gigantisch. André Maginot starb vor Kriegsausbruch, doch sein Name blieb mit den Verteidigungswerken verbunden.

Eine Linie mit Lücken und Tücken
Da Frankreich sich zurecht ebenfalls vor den Begehrlichkeiten Italiens fürchtete, das sich im Versailler Vertrag zu kurz gekommen sah und dem Faschismus zuwandte, wurde der Beginn der Verteidigungslinie am Mittelmeer geplant. Eine Linie aus Festungswerken sollte von hier bis zu den Alpen einem Einfall italienischer Truppen einen Riegel vorschieben. Die Alpen selbst bildeten eine natürliche Barriere, die mit größeren Truppenkontingenten kaum zu überwinden war. An der Grenze zur neutralen Schweiz wurden daher kaum Festungswerke errichtet.Erst im Baseler Raum wurden die Baumaßnahmen wieder intensiviert. Der Rhein bildete eine natürliche Barriere, die das Elsass schützte. In Lothringen, das bis zum ersten Weltkrieg zu Deutschland gehörte, sah man das größte Gefahrenpotential eines deutschen Angriffs. Hier sicherte man die Grenze mit einer undurchdringlichen Linie aus sich gegenseitig deckenden enormen Festungswerken. Nur in den Sumpfgebieten Lothringens verzichtete man auf Festungswerke und überflutete stattdessen Teile des Landes, um ebenfalls eine natürliche Barriere zu erzeugen.

Im Bereich der Ardennen dünnte sich die Verteidigungslinie aus, da man der fatalen Fehleinschätzung unterlag, dass das Mittelgebirge eine schwer durchdringliche Barriere bilden würde und dass das neutrale Belgien die Deutschen bis zu einem gewissen Grad abhalten würde. An der nördlichen Grenze wurden darüber hinaus Festungsarbeiten erschwert durch den nahen Grundwasserstand. An der belgischen Grenze begnügte man sich daher mit Panzersperren aus Stahl und Beton, Stacheldraht und ähnlichen Hindernissen, die einfach an der Erdoberfläche angebracht werden können.

Karte der Maginot-Linie. Die dicken Linien markieren befestigte Grenzabschnitte mit Artillerie. Bild: Duomaxw, Wikipedia Commons

Die Festungswerke selbst bestanden aus unterirdischen bzw. in den Boden eingelassenen runden Betonanlagen, die Gefechtsblöcke mit Granatwerfern, Maschinenräume, Munitionslager und Mannschaftsräume beherbergten. Die verschiedenen Teile eines Festungswerkes waren mit Gängen verbunden. Im größten Festungswerk, dem Ouvrage de Hackenberg nahe der saarländischen Grenze, waren 10 Kilometer Gänge in den Hackenberg eingebaut worden. Die Anlage war so groß, dass die Munition mit einem unterirdischen elektrischen Zug vom Munitionslager zu den 17 Gefechtsblöcken transportiert wurde.
Die Eingänge der Anlagen waren mit Gräben und Maschinengewehrposten gesichert. Da im Ersten Weltkrieg erstmals Giftgas als Waffe eingesetzt worden war, baute man in die Festungswerke der Maginot-Linie aufwändige Luftfilteranlagen ein.
Die Granatwerfer hatten eine Reichweite von bis zu 13 Kilometern. Wenn ein Beobachtungsposten eine feindliche Bewegung in Reichweite meldete, gab die Kommandozentrale die Koordinaten an den jeweiligen Gefechtsblock. Die Schützen richteten daraufhin den Granatwerfer entsprechend aus und feuerten die Geschosse ab. Zum Schießen wurden die gepanzerten Granatwerfertürme aus dem Boden ausgefahren und danach sogleich wieder abgesenkt. Die Geschosse waren geeignet, um Panzer aufzuhalten. Die Linie aus großen und kleinen Festungswerken war so konzipiert, dass die Werke in einem Abstand zu einander standen, der ihnen erlaubte, sich gegenseitig zu decken. Das machte die Linie im Abschnitt Lothringen nahezu undurchdringlich.

Maginot-Linie
Querschnitt eines Geschützturms mit Granatwerfer beim Ein- und Ausfahren. Rechts im Bild eine Beobachtungsglocke. Bild: Association des Amis de la Ligne Maginot

Leben wie im U-Boot
Die Besatzungen, die als hochausgebildete Elitesoldaten galten, lebten und arbeiteten in den Festungswerken für mehrere Monate, ohne dass sie die Bunkeranlage in dieser Zeit verließen. In einem mittelgroßen Festungswerk, wie z.B. Immerhof, dienten rund 200 Mann Besatzung. Im größten Festungswerk, Hackenberg, dienten bis zu 1000 Mann in den unterirdischen Anlagen. Das Leben auf engem Raum war vergleichbar mit dem Dienst in einem U-Boot. Die Männer teilten sich die begrenzten Betten und schliefen abwechselnd in Schichten. Auch die Begriffe der Kommandosprache wurden aus der U-Boot-Praxis übernommen.

Zur Versorgung der Mannschaft waren die größeren Festungswerke mit einer Krankenstation und einer Küche mit modernsten Geräten, wie z.B. Drucktöpfe, ausgestattet. Aufenthaltsräume gab es nur für die höheren Offiziere. Die Gänge und Räume der Anlagen wurden zwar elektrisch beheizt, doch die Innentemperatur betrug durchgehend durchschnittlich 12 Grad Celsius.




Milliarden in den Sand gesetzt
Die französische Regierung stellte die Maginot-Linie in Propaganda-Filmen und -Bildern als überdimensioniert und undurchdringlich dar. Man verbreitete Bilder, die mehr Fantasie waren als Realität. Der Staat hatte viel Geld für die Anlagen ausgegeben und wollte nun allzu gerne sich darauf verlassen, dass sie die Undurchdringlichkeit der französischen Grenzen gewährleisten würden. Doch diese Sicherheit sollte sich als trügerisch herausstellen.

Das hatte auch mit der Mentalität der französischen Heeresleitung zu tun. Die Chefs des Generalstabs waren altgediente Generäle, die noch die Grabenkämpfe des Ersten Weltkriegs gewohnt waren. Einen ausgeprägten Sinn für moderne Militärtechnologien hatten sie -im Gegensatz zu den Chefs der Wehrmacht- nicht. Es war wenig in neue Fahrzeuge, Flugzeuge und Technologien investiert worden und die Befehlswege waren lang und träge. Auch vernachlässigte der Generalstab die Gefahr, dass die Deutschen mit Panzern durch die Ardennen kommen könnten. Doch genau das taten sie und manövrierten die französische Armee aus. Die Festungswerke der Maginot-Linie kamen bis auf wenige Einzelfälle nicht zum Zug.

Maginot-Linie
Einschusslöcher an einem Außenbunker der Festung Hackenberg. Hier verschanzten sich beim Heranrücken der US-Armee Soldaten der Wehrmacht.

Traurig ist das Schicksal der Festung La Ferté, deren Besatzung ihren Dienst auf einem Posten tat, der schon an der Peripherie der Maginot-Linie lag und nicht den Verteidigungsgrad der restlichen Linie aufwies. Den Deutschen gelang es nach heftigem Artilleriebeschuss der Anlage sich den Öffnungen der Beobachtungs- und Geschütztürme zu nähern und dort Granaten einzuwerfen. Durch die Explosionen der deutschen Geschosse breiteten sich giftige Gase in den Gängen der Festung aus. Die etwa 100-köpfige Besatzung erstickte.

Die Besatzungen der anderen Festungswerke weigerten sich zunächst nach dem Waffenstillstand ihre Posten zu räumen. Erst nachdem Abordnungen des französischen Generalstabs und der Wehrmacht persönlich die Festungen aufsuchten und den Räumungsbefehl der Regierung übermittelten, verließen sie die Anlagen. Die meisten von ihnen kamen in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurden zum Arbeitsdienst nach Deutschland geschickt. Manche Elsässer unter den französischen Besatzungen wurden von den Deutschen als Deutsche angesehen und zum Kampf an die Ostfront geschickt.

Die Maginot-Linie war eine technische Meisterleistung und hat ihre Funktion effektiv erfüllt. Doch die strategischen Fehlentscheidungen des Generalstabs führten zu Schwachpunkten, die die Deutschen ausnutzten. Somit bleibt es eine Ironie der Geschichte, dass die aufwändige Verteidigungsplanung Frankreichs große Ressourcen band und doch scheiterte.

Für André Rabu war der Krieg schon am 14. Juni 1940 vorbei. Und ebenso sein Leben. Während einer nächtlichen Patrouille gerieten er und mehrere Kameraden unter Artilleriebeschuss von deutscher Seite. Mehrere seiner Kameraden wurden verletzt. André Rabu starb. Er wurde 20 Jahre alt.

Weitere Informationen zur Maginot-Linie mit sehr interessanten Schaubildern findest du auf dem Blog von Klaus Michler.

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