Reise zur documenta 14 nach Athen

documenta 14 Athen

Die documenta 14 findet nicht nur in Kassel statt, sondern auch in Athen. Eine Entdeckungsreise zum Ausstellugnsstandort Athen belohnt mit kuriosen, skurrilen und anrührenden Anblicken. Ein Beitrag von Renate Schütt-Möller.

Drei Wochen nach der Eröffnung der documenta 14 in Athen habe auch ich mich auf den Weg zur Kunst gemacht. Zum einen wegen der Kunst, zum anderen wegen der Stadt, denn ich war noch nie in Athen und fand es spannend, beides über die Ostertage zu verbinden. Eigentlich wollte ich gar nicht fahren, denn als Kasselanerin fühlte ich mich ziemlich irritiert, dass die diesjährige Kunstschau nicht nur in Kassel, sondern auch in Athen stattfinden würde. Und noch dazu mit dem Motto „Von Athen lernen“. Von der Erfindung der Demokratie bis zur Krisenbewältigung unterm Rettungsschirm, letztere fast mit der Spannung einer antiken Tragödie, gibt es zweifellos eine gewisse Bandbreite dessen, was wir von Athen lernen könnten. Nur, was genau davon spannt den Bogen zur Kunst der documenta 14? Meine Neugier war schließlich größer als die Befürchtung, dass Athen uns in Kassel die „Schau stehlen“ könnte. Außerdem wurde ich durch das Angebot unserer örtlichen Zeitung geködert, mit einer Reisegruppe von unserem bislang arg vereinsamten Flugplatz Kassel-Calden zu fliegen, was viel lästige Logistik ersparen würde.

Der erste Eindruck beim Verlassen des Flugplatzes am Zielort ist positiv. Die Sonne scheint. Bei uns hat es am Morgen noch fast gefroren. Auf der Fahrt zum Hotel sehen wir viele Reklametafeln, aber nichts von der documenta 14. Uns fallen ab und zu Häuser mit schwarzen Fassaden, blinden Fenstern und maroden Dächern zwischen dem sonst dominanten Weiß der Häuserfluten auf. Abends spazieren wir durch die Plaka, die Altstadt am Fuße der Akropolis. Auch hier, zwischen Restaurants, Souvenirläden und Touristen, entdecken wir kein Zeichen der documenta.

Am nächsten Tag,, beim Abstieg von der Akropolis, ist sie plötzlich da.

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Unser erster Ausstellungsort von drei Museen, die ich exemplarisch vorstellen möchte, ist die Hochschule der bildenden Künste, ASFA.

Documenta

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Schon das Gelände der Hochschule wäre auch ohne documenta ein Kunstwerk für sich. In mehreren genutzten oder ungenutzten Gebäuden einer ehemaligen Textilfabrik, an deren Wänden sich statement-graffitos und Plakate befinden, bewegt man sich in kreativem Chaos.

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Ein Ausstellungsort, der mindestens so spannend ist wie die Kunst in der großen Aussstellungshalle.

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Wir werden von einer der drei „Choristinnen“ empfangen, die uns in den nächsten Tagen an verschiedenen Spielorten der documenta begleiten werden. Die junge Dame trägt sogar die extra für die documenta angefertigten peeptoe-Stoffschuhe, die auch im merchandising-shop verkauft werden und mich irgendwie an Kellnerinnen in Wiener Kaffeehäusern erinnern.

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Der Blick fällt gleich auf die Installation „Ciudad Abierta“, die Arbeit einer Gruppe südamerikanischer Künstler, deren visionärer Fokus auf neuen Arten des Wohnens und Zusammenlebens liegt. Man bewegt sich zwischen langen, weißen, teilweise bedruckten Stoffbahnen und Monitoren. Zum ersten mal wird man hier konfrontiert mit einigen der dominanten Themen dieser documenta: Migration, Identität, der Frage nach dem, wer wir sind und wer wir sein wollen.

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Ich finde hier Werke, die ich nicht verstehe, andere, die mich nicht berühren und Werke, über die ich noch beim Verlassen der Halle nachdenke, wie die Installation „Plastikus Progressus: Memento Mori. 2017“ von Bonita Ely. Plastikmüll aus Sydney, Kassel und Athen wurde zu neuen „Wesen“ der Meeresflora und Fauna verarbeitet, die durch Evolution wiederum Plastikmüll verdauen können. Diese neuen dystopischen Arten sowie weiteres gedrucktes und digitales Material führen dem Betrachter vor Augen, wie verwundbar unser Ökosystem ist und wie Lebensweisen und Lebenswelten in unterschiedlichen Erdteilen einander durchdringen können.

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Schon am Abend des Karfreitag fällt uns auf, dass Ostern in Griechenland einen ganz anderen Stellenwert hat als bei uns Viele Menschen laufen mit brennenden Kerzen oder kleinen Laternen mit brennenden Teelichtern herum. Wir erfahren, dass das Kerzenlicht, das Licht des Lebens, von Mensch zu Mensch weitergegeben wird und ursprünglich von einer Flamme stammt, die ein Priester aus der Grabeskirche in Jerusalem nach Athen gebracht hat. Wir sehen sogar Menschen mit brennenden Kerzen in der U-Bahn. Etwas befremdlich angesichts eventueller Brandrisiken, die man sich als deutscher Brandschutzauflagen-Gewöhnter gar nicht ausmalen möchte, andererseits rührt es uns an, dass diese Tradition ungeachtet allen technischen Fortschritts seit über 2000 Jahren unbeirrt, wie ein archaisches Ritual, in die Neuzeit mitgenommen wurde.

An den Ostertagen herrscht in Athen eine Art Ausnahmezustand. Bis auf die Souvenirläden in der Altstadt sind nicht nur alle Geschäfte, sondern auch die Museen geschlossen. Sogar die Schar der Taxifahrer hat sich fast halbiert. Der Grund dafür liegt in einer gewissen Paarung von starker Religiosität und großer Feierfreudigkeit. Ostern verbringt man nicht in der Stadt, sondern wenn möglich auf dem Land bei der Familie. Das sehen wir in den Gassen der Insel Hydra, durch die der verlockende Duft von gebratenen Lämmern weht.

Am Ostermontag werden wir von einer weiteren Choristin auf den Philopappos Hügel geführt. Gegenüber der Akropolis hat Rebekka Belmore, eine kanadische Künstlerin mit indigenen Wurzeln, ein Zelt aus Marmor aufgestellt, vorne offen, so dass der Besucher hineinkriechen und sich im Eingang photographieren lassen kann. Wieder ein politisches statement, das die Themen Flucht und Vertreibung aufgreift,

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wie die Video Installation von Artur Zmijewski „Glimpse“, eine eindringliche schwarz/weiß – Dokumentation, fast ohne Ton, über die Räumung des Flüchtlingscamps „Dschungel“ in Calais im Oktober 2016. Zu sehen im ASFA (s.o.)

An allen Ausstellungsorten, die wir besuchten, trafen wir auf das Oberthema Identität. In vielen Werken geht es um nationale, ethnische oder sexuelle Identität, auf unterschiedlichste Weise umgesetzt. Besonders beeindruckend fand ich die Maskengruppe von Beau Dick, einem indigenen kanadischen Künstler aus der Serie „Undersea Kingdom“ im Erdgeschoss des Museums für zeitgenössische Kunst EMST.

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Diese ehemalige Bierbrauerei der Marke „Fix“, zu einem einzigartigen vierstöckigen Ausstellungsort umgewandelt, enthält die meisten Arbeiten der documenta 14.

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Ganz oben, in der letzten Etage entdecke ich sogar knallbunte Malerei von Stanley Whitney und anderen Künstlern.

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Wir haben in den drei Tagen in Athen nur einen Teil der documenta 14 gesehen. Und nur ein Teil dieses Teils wurde in diesem Text erwähnt. Aber was wir gesehen haben scheint mir richtungweisend für die diesjährige Ausstellung. Meine Auswahl war subjektiv. Ich habe mir als Auswahlkriterium überlegt, was am stärksten nachgewirkt hat, worüber ich noch mal nachgedacht habe, nachdem ich längst wieder in Kassel war.

Diese documenta ist erstaunlich politisch. Nicht alle, aber unerwartet viele Künstler nehmen auf unterschiedliche Weise Stellung zu gesellschaftlichen Themen: verstörend bis spielerisch, indem sie aus der Vergangenheit schöpfen, die Gegenwart beschreiben oder in die Zukunft schauen. Was ich vielleicht nicht von Athen gelernt sondern aus Athen mitgenommen habe ist ein Staunen. Darüber, wie moderne Kunst in einem schon atemberaubenden antiken Kontext den Betrachter anrühren kann und still macht. Wie die Kunst den Bogen zwischen der Ästhetik der Antike zu der des 21. Jahrhunderts schlägt und Menschen damals wie heute beim Anblick völlig unterschiedlicher Werke über Jahrtausende hinweg auf ähnliche Weise erschüttert. Ein bisschen so wie das Osterlicht.

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