Locomore – Das Mehr an Bahn?

Locomore
Der Locomore-Zug kurz vor der Abfahrt aus dem Hauptbahnhof Hannover.

Locomore ging mit dem Anspruch, eine günstige und qualitätsorientierte Alternative zur Deutschen Bahn zu sein, an den Start. Ob dies gelungen ist, erfährst du in meinem Erfahrungsbericht.

Im Dezember 2016 rollte der erste Zug von Locomore auf der Strecke Stuttgart-Berlin. Wie der Name schon sagt, wollte das Unternehmen ein „Mehr an Bahn“ bieten. Die Preise waren konkurrenzlos günstig, W-Lan und bio-Essen in allen Zügen verfügbar und eine Sitzplatzreservierung war standardmäßig inbegriffen.
Doch schon im Mai 2017 kam das Aus. Das Investitionskapital, welches das Unternehmen u.a. per Crowdfunding gesammelt hatte, war aufgebraucht, bevor die wachsenden Fahrgastzahlen die laufenden Kosten decken konnten. Das Unternehmen musste Insolvenz anmelden. Sollte dies das Ende des günstigen Bahnfahrens auf einer der meist befahrenen Bahnstrecken Deutschlands sein? Die Konkurrenz würde der Deutschen Bahn gut tun, deren Preise schneller als die Inflation und die Energiepreise steigen, die mit den Preissteigerungen versucht, die Verluste im Güterverkehr auszugleichen, und deren kompliziertes Tarifsystem selbst NASA-Wissenschaftler vor Rätsel stellt.
Doch tot Geglaubte leben länger. Die Geschäftsführung von Locomore fand in dem tschechischen Eisenbahnunternehmen Leo Express einen Investor und konnte seit August 2017 den Betrieb wieder aufnehmen. Den Vertrieb übernimmt seit dem das Fernbusunternehmen Flixbus.

Erstmal zum richtigen Bahnhof
Für meine erste Reise mit Locomore wählte ich den Streckenabschnitt Frankfurt-Süd bis Hannover Hauptbahnhof. Dass Locomore nur in Frankfurt-Süd und nicht im Hauptbahnhof hält, ist sinnvoll, da der Zug somit einiges an Zeit für das Reinfahren in den Kopfbahnhof spart. Auch haben die alten, aber neu aufbereiteten Wagen des Locomore-Zugs keinen Triebwagen am Ende des Zuges, sodass im Kopfbahnhof eine zweite Lok zum Rangieren hinzu gezogen werden müsste. Der Nachteil für alle Reisenden von außerhalb besteht darin, dass sie meist vom Hauptbahnhof aus erst mal zum Südbahnhof gelangen müssen. Welche Fahrgastrechte gelten, wenn ein Fahrgast am Hauptbahnhof den Zug verlässt, mit der U-Bahn zum Südbahnhof fährt und die U-Bahn Verspätung hat, konnte ich trotz Recherche nicht eindeutig klären. Falls jemand diese Frage beantworten kann, möge derjenige dies gerne in den Kommentaren tun.

Unschönes Erlebnis trübt die Locomore-Erfahrung
Zum Glück haben an diesem Tag alle Anschlüsse gepasst und um 8.30 Uhr stieg ich in den Locomore in Richtung Berlin im Südbahnhof ein. Eine Neuerung seit dem Neustart offenbarte sich sogleich. Es gibt keine Sitzplatzreservierungen mehr. Die Fahrgäste suchen sich einfach einen Platz. Aufgrund des hohen Reiseaufkommens am Freitag war der Zug sehr voll. Da ich lange Beine habe, war die Vorstellung, mich in ein dicht gedrängtes Abteil zu setzen und die Beine ständig in einer angewinkelten kaum bewegbaren Position zu halten, sehr unangenehm. Erfreulicher Weise gab es in einem Wagen eine freie Fläche mit Klappsitzen, wovon die meisten frei waren. Hier ließ ich mich also nieder. Direkt neben mir befand sich in einem Kabuff ein kleiner Kiosk, wo man belegte Brote und Getränke kaufen kann. Als mich die Verkäuferin des Kiosks bemerkte, schien sie an meiner Gegenwart Anstoß zu nehmen und sprach mich ohne jeglichen Gruß harsch an: „Sie wissen schon, dass Sie hier nicht sitzen dürfen.“
Ich verneinte dies und wies darauf hin, dass dies doch Sitze seien und die Funktion des Hinsetzens nahe legten. Sie sagte, dies sei ein Bereich für Kinderwagen und Fahrräder. Sehend, dass außer einem Kinderwagen auf der anderen Seite, kein solches Gefährt vorhanden war, sagte ich, ich könne doch einfach weg gehen, wenn jemand mit einem solchen Gefährt kommt. Drauf hin die Verkäuferin in grober und unfreundlicher Art: „Ich sag’s nochmal. Ich möchte, dass dieser Fluchtweg frei bleibt.“ Schockiert und sprachlos ob dieser Behandlung packte ich meine Sachen und quetschte mich in eines der Abteile.
Die Verkäuferin trug eine Jacke mit dem Logo von Locomore, einem Unternehmen, das gerade aus der Insolvenz kommt. Auch ihr Arbeitsplatz stand auf der Kippe. Doch in dem Moment stellte sich kein Gefühl des Willkommenseins ein. Im Gegenteil. Derart wie ein Schuljunge herum kommandiert zu werden, hatte ich selbst bei der Deutschen Bahn noch nicht erlebt. Daran, etwas bei dem Kiosk zu kaufen, dachte ich dann auch nicht mehr und kann daher das kulinarische Angebot nicht beurteilen. Der Zugbegleiter machte jedoch den Eindruck, dass er seine Arbeit gerne macht und wirkte freundlich und hilfsbereit.

Locomore
Die modernen Lokomotiven und modern aufbereiten Wagen gehören nicht Locomore, sondern sind von Hectorrail gemietet.

Moderne Züge
Der Zug selbst war sauber und in gutem Zustand. Die Sitze sind bequem und haben an der Fenster- und Gangseite Steckdosen. Das kostenlose W-Lan funktionierte bei meinem Telefon auf der Hinfahrt nicht, jedoch auf der Rückfahrt. Der von einer modernen Siemens ES64U2-Lokomotive angetriebene Zug fährt auf der Strecke abschnittsweise die für dieses Gespann zugelassene Höchstgeschwindigkeit von 200 Km/H. Die Deutsche Bahn fährt auf dieser Strecke nicht viel schneller.
Der Nachteil, dass die Locomore-Zuggarnitur hinten keinen Triebwagen hat, macht sich auch beim Haltepunkt Hannover Hauptbahnhof bemerkbar. Da der Zug sich von Südosten nähert und gen Osten weiter fährt, muss er zuvor die Innenstadt von Hannover in einem großen Bogen umfahren, um mit der Lok voraus gen Osten weiter fahren zu können. Das kostet viel Zeit, da der Zug in diesem Abschnitt nur langsam fahren kann. Darüber hinaus waren die Gleise durch Güterzüge belegt, wodurch es zu Verzögerungen kam. Hier könnte eines Tages durch eine Aufrüstung Abhilfe geschaffen werden.
Mit ungefähr 15 Minuten Verspätung -die jedoch nicht von Locomore verschuldet war- kamen wir im Hauptbahnhof Hannover an.

Fazit
Beim Preis-Leistungs-Verhältnis ist Locomore unschlagbar auf dieser Strecke. Die Fahrkarte, die ich im Rahmen einer Aktion erworben hatte, kostete nur 20 Euro hin und zurück. Auch im regulären Verkauf sind die Preise nicht viel höher. Schade ist, dass die automatische Reservierung nicht mehr dabei ist. Das würde ein noch stressfreieres Fahren garantieren. An der Freundlichkeit des Personals muss Locomore noch arbeiten. Sollte dies der Normalzustand bleiben, würde ich nicht mehr mitfahren, bei aller Ersparnis. Aber ich will Locomore noch eine Chance geben. Es ist gut, dass die Deutsche Bahn Konkurrenz bekommt und ihre Verluste im Güterverkehr nicht mehr einfach auf den Kunden im Fern- und Nahverkehr abwälzen kann. Die Eisenbahn ist ein wichtiger Baustein in der ökologischen Mobilität der Zukunft. Doch die Preise der DB sind viel zu teuer und das Preissystem zu kompliziert. Deswegen ist es gut, wenn Anbieter wie Locomore den Markt aufmischen und eine Alternative bieten.

Ich freue mich über deine Kommentare und Gefällt-mir-Angaben.

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