Warum Valletta die kleinste Hauptstadt Europas ist – Die Johanniter auf Malta Teil 1

Valletta auf Malta
Blick auf valletta von Manoel-Island aus. Die Vergessene Kanone ist ein stiller Hinweis auf die kriegerische Entstehungsgeschichte der Stadt.

Ein uralter Ritterorden baute Malta zu einer riesigen Festung aus. Dazu hatte er auch allen Grund, wurde er doch zu Beginn seiner Herrschaft auf der Insel fast ausgelöscht. Wie es dazu kam und warum Valletta die kleinste Hauptstadt Europas ist, erfährst du mit mir auf einer kulturell-geschichtlichen Spurensuche.

Als ich auf Malta ankomme, bekomme ich gleich die Vorzüge eines vereinten Europas zu spüren. Es gibt keinerlei Ausweiskontrolle am Flughafen oder sonst wo. Geld muss ich auch keines umtauschen. Oder ist das mit der Ausweiskontrolle nur Ausdruck der südländischen Mentalität? Auf Malta gehen die Dinge etwas lockerer zu als bei uns in Deutschland. Das merke ich auch sogleich im Straßenverkehr. Hier kann im Kreisverkehr auch mal eben ein Gemüsehändler seinen Stand aufgebaut haben und dort seine Waren feil bieten. Viel Zeit zum Schmunzeln darüber bleibt mir nicht, denn im Linksverkehr mit Rechtslenker muss ich gut aufpassen, dass ich aus Gewohnheit keinen Fehler mache.

Mit meiner Spurensuche beginne ich da, wo die Herrschaft der Johanniter auf Malta ihren Ursprung hat: der Bucht des Großen Hafens von Valletta. Als ich die Gassen und Treppen von Bormla zum Dockyard Creek runter gehe und sich mir die gewaltigen Festungswerke von Valletta und der umliegenden Ortschaften offenbaren, spüre ich, dass diese Festungen Ausdruck einer bewegten Geschichte sind, womöglich sogar eines nationalen Traumas. Doch noch ahne ich nicht das Ausmaß, in dem hier auf Malta Weltgeschichte geschrieben wurde.

Ich nehme die Hafenfähre im Dockyard Creek und setze über nach Valletta. Das Fährschiff ist ein moderner Katamaran, der schnell und leise über das Wasser gleitet. Die Nutzung der Fähre an dieser Stelle lohnt sich. Die Fahrt dauert nur 10 Minuten und mit dem Auto müsste ich den gesamten Grand Harbour umfahren, um in die Vorstadt Vallettas zu gelangen. Die Fahrkarte kostet nur 2,80 Euro hin und zurück. Eine Fahrt mit dem großen Aufzug direkt zu den Upper Barracca Gardens ist auch inbegriffen. Aus den Tiefen des Grabens der Festungsmauern trägt mich der Fahrstuhl empor, dann stehe ich in der kleinsten Hauptstadt der Europäischen Union. Sie hat nur 5700 Einwohner. Man muss dazu sagen, dass Valletta umgeben ist von zahlreichen dicht besiedelten anderen Kleinstädten. Warum das so ist, finde ich bald heraus in einer Festung, die schon stand bevor die Stadt Valletta überhaupt gegründet worden war: Fort St. Elmo an der Spitze der Landzunge wacht über die Hafeneinfahrt und ist älter als Valletta selbst.

Befestigungsanlagen im Raum Valletta, Malta
Übersicht über die historischen Befestigungsanlagen im Raum Valletta, mit freundlicher Unterstützung von Open Streetmaps.

Vertriebene Ritter finden neue Heimat
Als der Ritterorden der Johanniter im Jahr 1523 durch die Osmanen von seinem Hauptsitz auf  Rhodos vertrieben wurde, kam die Schenkung in Form der Insel Maltas samt Nebeninseln durch Kaiser Karl V. gerade recht. In dieser Zeit blieb zunächst Mdina mit seiner Vorstadt Rabat das Zentrum der Insel. Doch schon bald etablierten sich die Brüder in der Bucht des Großen Hafens (Grand Harbour). Auf der Halbinsel von Birgu, im Zentrum der Bucht, bauten sie eine alte Festung zum Fort St. Angelo aus, welches von nun an ihr neuer Hauptsitz sein sollte. Kurze Zeit später entstand an der Stelle eines alten Wachturms Fort St. Elmo. In der Ausstellung über die maltesische Militärgeschichte im Fort erfahre ich, dass  der Ausbau der Festungsanlagen gerade rechtzeitig durchgeführt worden war, denn schon 35 Jahre später drohte der Untergang.

Die Große Belagerung
Nicht lange nach dem Eintreffen der Johanniter auf Malta kam es zu jenem traumatischen Ereignis, das als die „Große Belagerung“ in die Geschichte eingehen sollte.  Im Jahr 1565 entschloss sich der osmanische Sultan Süleyman I., mit dessen Schiffen sich die Johanniter immer wieder in kriegerischem Kontakt befunden hatten, zu einem konzentrierten Angriff auf den Orden. Zum Glück der Johanniter trafen Süleymans Eroberungspläne in Großmeister Jean de la Valette auf einen starken Anführer des Ritterordens.
De la Valette hatte bereits Kampferfahrung, da er bei der Belagerung der Ordensburg auf Rhodos dabei gewesen war und dort sogar zwei Pfeilwunden erlitten hatte. Der 1494 in Quercy geborene  Großmeister soll 7 Sprachen fließend beherrscht haben. Doch der Mann, der später als Held gefeiert werden sollte, nahm es mit den Ordensregeln nicht immer ganz genau, zumindest mit dem Keuschheitsgebot. Zwei Mal war er wegen „jugendlicher Exzesse“ auf Malta eingesperrt worden und sogar die Geburt eines Enkelkindes ist überliefert.
Durch Spione gewarnt, traf de la Valette alle möglichen Vorkehrungen für die bevorstehende Belagerung. Er kaufte Lebensmittel und Waffen ein, ließ die Speicher mit allen nötigen Gütern füllen. Dennoch waren die Wachen der Forts St. Elmo und St. Angelo überwältigt, als sie am Morgen des 18. Mai 1565 die osmanische Armada in der Ferne erblickten. Der Horizont war von Schiffen bedeckt. Es war die bislang größte Flotte, die je aus Istanbul ausgelaufen war. Sie umfasste 130 Galeeren, 30 Galeoten, 10 große Galeonen, 200 kleinere Transportfahrzeuge und 9 Lastkähne.
Jetzt brach Panik auf der Insel aus. Kanonenschüsse und Wachturmfeuer wurden gezündet, um die Ankunft der feindlichen Armada zu melden und die Menschen stürmten überstürzt in die befestigten Städte. Als die Armada in der Bucht von Marsaxlokk unbehelligt die Truppen anlandete, wurde klar, welch ungleiches Kräfteverhältnis vorlag. Die Osmanen waren mit ungefähr 40.000 Mann gekommen. Zur Verteidigung der Insel standen jedoch nur 500 Ordensritter, 1000 spanische und italienische Söldner und einige tausend sonstige Hilfssoldaten und maltesische Bürger bereit.

Widerstand bis zum letzten Mann in Fort St. Elmo
Um ihre Schiffe in die Bucht von Marsamxett einfahren zu können, legten die Osmanen den Fokus der Belagerung zunächst auf Fort St. Elmo. Obwohl das Fort mangelhaft ausgebaut worden war, verteidigten es die Ritter und ihre Hilfssoldaten einen Monat lang. De la Valette bestand auf ein Durchhalten bis zum letzten Mann, um somit Zeit für eine mögliche Verstärkung von Sizilien her zu gewinnen. Als das Fort schließlich am 23. Juni 1565 erstürmt wurde, metzelten die Osmanen die ausgezehrte Besatzung nieder. Keiner der etwa 120 Ordensritter überlebt. Doch damit nicht genug. Der osmanische Oberbefehlshaber Mustafa Pascha ließ die Köpfe der hochrangigsten Ritter abschlagen und auf Lanzenspitzen am Hafen zur Schau stellen. Die restlichen Leichen der Ordensritter ließ er verstümmeln, auf hölzerne Kreuze binden und ins Meer werfen als Signal an die Ritter in Birgu. Großmeister de la Valette beantwortete dies, indem er alle gefangenen Türken enthaupten ließ und die Köpfe mit Kanonen ins gegnerische Lager schießen ließ.

Die Hölle von Senglea
Nun wandte sich Mustafa Pascha Senglea zu und begann einen Großangriff auf die Stadt am 15. Juli. Vom Großen Hafen aus näherten sich Schiffe den Festungswällen, während von der Landseite her Truppen anstürmten. Die Schiffe waren festlich mit Wimpeln und Flaggen geschmückt und Imame standen an Deck mit aufgeschlagenen Büchern in der Hand, aus denen sie Koranverse zitierten.
Doch die Feierlichkeit war schon bald verflogen, als der Kampf entbrannte. Der Zeitzeuge Giacomo Bosio schilderte das Erlebte in drastischen Worten: „Ich weiß nicht, ob ein Abbild der Höller die entsetzliche Schlacht beschreiben kann, das Feuer, die Hitze, die ununterbrochenen Flammen aus den Flammenwerfern und Feuerreifen; den dichten Rauch, den Gestank, die aufgeschlitzten und verstümmelten Leichname, das Aufeinanderprallen der Waffen, das Stöhnen, die Schreie und Rufe, das Donnern der Kanonen.“
Am Ende des gegenseitigen  Abschlachtens war das Hafenbecken übersät mit Leichen, gekenterten Schiffen, Bannern, Schildern und Speeren. Doch die eingeschlossenen Ritter hatten den Angriff abgewehrt. Dennoch schien den Verteidigern klar zu sein, dass sie nicht mehr lange den erbitterten Angriffen der Osmanen würden standhalten können. In einer Rede im Großen Rat machte de la Valette deutlich, dass man sich auf einen Kampf um Leben oder Tod einstellen müsse:
„Wir sind Soldaten, und wir werden kämpfend sterben. […] Lasst keinen eurer Männer auf den Gedanken, wir hätten irgendeine Aussicht auf ehrenvolle Behandlung oder darauf, mit dem Leben davonzukommen. Wenn wir geschlagen werden, wird man uns alle töten. Es ist besser, in der Schlacht zu sterben als auf schreckliche und schändliche Weise von der Hand der Sieger.“



Rettung im letzten Moment
Derweil trugen die eindringlichen Appelle von Papst Pius IV. an den zögerlichen spanischen König Philipp II., doch  endlich den Johannitern und Maltesern zu Hilfe zu kommen und Malta nicht als Bastion osmanischer Macht im Mittelmeer dem Sultan in die Hände fallen zu lassen, endlich Früchte. Spät, aber gerade noch rechtzeitig, ließ die „allerkatholischste Majestät“ den Vizekönig auf Sizilien, Don García, ein Entsatzheer von 11.000 Mann zusammenziehen und nach Malta übersetzen. Doch außer einem kurzen Zusammentreffen bei Mdina, bei dem die Osmanen unterlagen, kam zu keiner Schlacht zwischen Belagerern und Entsatzheer. Die Osmanen waren bereits selbst ausgezehrt von den Belagerungsanstrengungen unter widrigsten Umständen. Sie hatten die Flotte des Vizekönigs bereits kommen sehen und die Belagerung noch vor deren Eintreffen abgebrochen. Am 12. Dezember lichteten die letzten osmanischen Schiffe ihre Anker und verließen Malta für immer.

Die Nachricht von der Rettung Maltas verbreitete sich über den Kontinent. In den zeitgenössischen Dokumenten wurde Malta als „Schild Europas“, „Bollwerk der Christenheit“ und als „Insel der Helden“ gerühmt. Der Papst bot Jean de la Valette die Kardinalswürde an, die dieser jedoch ablehnte.
Doch bei all dem Jubel stand den Maltesern jetzt noch eine große Anstrengung bevor. Die Insel war nach der Belagerung ein Trümmerhaufen. Jetzt musste alles wieder aufgebaut werden.

Belagerung Maltas 1565
Aufhebung der Belagerung Maltas. Gemälde von Charles-Philippe Larivière.

Aufbruch in eine neue Ära
Im Zuge der Wiederaufbauarbeiten entschied sich der Orden die bereits vor der Belagerung beschlossene Gründung einer neuen Stadt auf dem Monte Sciberras – der Halbinsel, auf der auch das Fort St. Elmo steht – voran zu treiben. Man hatte auch einen Namen für die neu zu gründende Stadt: Valletta. Der Ruhm des Großmeisters wurde im Namen der Hauptstadt Maltas verewigt. Für dieses große Projekt trafen Gelder aus ganz Europa ein. Papst Pius IV. entsandte hierfür eigens den italienischen Star-Architekten Francesco Laparelli. Der „Schild der Christenheit“ sollte hier zu einem architektonischen Monument gegossen werden. Das Schachbrettmuster wurde dabei aus strategischen Gründen gewählt, weil man so im Falle eines feindlichen Einbruchs von den Mauern aus den Feind auch in den Straßen leicht beschießen konnte. Gleichwohl wurde von den Stadtplanern von Anfang an Wert auf ein einheitliches ästhetisches Stadtbild gelegt und die auch in Form von klaren Regularien den häuserbauenden Bürgern kommuniziert.

In Rekordzeit wurde die Stadt hochgezogen und mit gewaltigen Festungswerken geschützt. Auch Jahrhunderte später bin ich beeindruckt, als ich in dem 15 Meter tiefen Graben stehe, der Valletta von der Vorstadt trennt. Als ich dort stehe, kommen mir Gandalfs Worte zum Drachen in „Der Herr der Ringe“ in den Sinn: „You shall not pass“. Hier sollte so leicht keiner rein kommen. Valletta gilt als eine der historisch am besten gesicherten Städte der Welt. Heute steht hier mitten im Graben der große Aufzug, der Besucher hoch zu den Barrakka Gardens bringt. Von der Galerie hat man einen wunderbaren Ausblick. Auf der Terrasse etwas unterhalb stehen Kanonen, die noch heute regelmäßig Salutschüsse abfeuern und damit für einen Moment die kriegerische Entstehungsgeschichte dieser Stadt wieder aufleben lassen.
Wenn man durch die Straßen der Stadt streift, bekommt man ein Gespür dafür, wie der Orden hier seinen neuen Herrschaftsanspruch architektonisch entfaltete und Malta zu einem europäischen Zentrum im südlichen Mittelmeer machte. Besonders der Großmeisterpalast und der Platz der Republik machen Eindruck auf mich. Nicht schlecht staunen muss ich als Hesse, als ich in den Prunksälen des Großmeisterpalasts ein Gemälde eines Landgrafen von Hessen-Darmstadt erblicke. Wie kommt das denn da hin? Was war die Verbindung des Ordens zu Hessen?

Doch bei all dem Prunk und Pomp ist wahrscheinlich eines der beeindruckendsten Gebäude Vallettas eines, dem man es nicht ansieht und dessen Bedeutung man nur versteht, wenn man seine Geschichte kennt: das Hospital. Doch dazu mehr im zweiten Teil meines Malta-Berichts.
Das Erlebnis der Flucht von Rhodos und der Großen Belagerung auf Malta ließen den Johanniterorden nach 1565 schrittweise auch die umliegenden Orte um Valletta mit riesigen Festungswällen schützen und zahlreiche Forts und Wachtürme auf der ganzen Insel anlegen. Ein Spruch, der mir in einem Museum begegnet, lautet: „To learn to live maltese is to learn to live invincibly“. Diese Mentalität findet ihren architektonischen Ausdruck in den beeindruckenden gut erhaltenen Bauwerken. Dass Valletta  die kleinste Hauptstadt Europas ist, lässt sich drauf zurückführen, dass das offizielle Stadtgebiet nie weiter als die äußeren Festungswerke erweitert wurde und die Festungswerke nie geschleift wurden. Wie die Johanniter ihren neuen selbstbewussten Herrschaftsanspruch auf der Insel Malta umsetzten und was zu ihrem Untergang führte,  erfährst du im nächsten Teil meines Berichts.

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Ein praktischer Reiseführer für Malta, der alles wissenswerte enthält:

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