Davon schweben auf dem Habichtswaldsteig

Habichtswaldsteig Naumburg

Der Habichtswaldsteig ist noch nicht lange ausgeschildert und führt in vier Etappen zu zahlreichen landschaftlichen und kulturellen Höhepunkten Nordhessens.

Ausgangspunkt Zierenberg
Meine Reise beginnt an der Haltestelle Kassel-Kirchditmold. Von hier sehe ich bereits eines meiner Etappenziele, an dem ich noch am selben Tag vorbei wandern werde: den Herkules.

Mit dem Zug geht es nach Zierenberg, dem Ausgangspunkt des Habichtswaldsteigs.
Exkurs: Die Regiotram ist eine Straßenbahn, die auch auf Eisenbahnschienen fahren kann, und die umliegenden Orte direkt mit der Kasseler Innenstadt verbindet. Eine Großstadt, die ein solches Verkehrsmittel noch nicht hat, kann sich glücklich schätzen, dies aus Bundes- und Landesfördermitteln mitfinanziert zu bekommen.

In Zierenberg führt ein kurzer Weg vom Bahnhof zum Marktplatz mit seinem markanten Fachwerkrathaus und seiner großen gothischen Kirche. Hier bildet ein Wanderportal mit Infotafeln den Ausgangspunkt dieses Fernwanderwegs. Ab hier folge ich dem Habichtssymbol, mit dem der Weg durchgehend beschildert ist.
Als nächstes schlängelt sich der Weg raus aus der Altstadt und zu einem ersten Anstieg auf den Schrecksberg. Auf dessen Aussichtsturm bietet sich eine weite Sicht in alle Richtungen. Ich will den Menschen sehen, der hier steht und nicht das Bedürfnis verspürt, wie ein Habicht über das Land davon zu schweben.

Warum jeder wandern sollte
Manche Leute sind erstaunt über die starken emotionalen Reaktionen, die das Wandern und die Begegnung mit der Landschaft in mir auslösen. Die Schönheit der Landschaft berührt mich oft zutiefst und ich fühle dann eine ganz einzigartige Mischung von Gefühlen, die nur in diesen Momenten eintritt: Frieden, Sehnsucht, Freiheit, Verbundenheit mit dem Land und den Menschen, Liebe und ein Gefühl von Zurückkehren zu den Ursprüngen.

Die heilsame Wirkung vom Gehen im Wald ist bereits ausreichend wissenschaftlich untersucht und bewiesen worden. Ich bin überzeugt, dass es auch eine zutiefst heilsame Wirkung auf die Seele hat. Es reinigt die Seele von all dem Gift und Ballast, der sich im Alltag ansammelt.
Das Wandern tut auch Beziehungen zu anderen Menschen gut. Es gibt Raum für Gespräche über Dinge, die uns bewegen, und für gemeinsame schöne Erlebnisse.

Über den Dörnberg
Als nächstes führt der Weg über beide Kuppen des Dörnbergs, dessen markante Erscheinung eher an Schottland denken lässt als an Nordhessen. Zunächst geht es eine Weile entlang eines künstlich angelegten Wanderpfades, der wegen der landschaftlichen Ähnlichkeit mit den Alpen „Alpenpfad“ genannt wurde. Der Pfad führt sogar an einer irgendwie seltsam anmutenden Alpenhütte am Hang vorbei und an Hutebäumen. Solche Baumgruppen wurden früher gepflanzt, um dort Vieh mit den abfallenden Nüssen und Früchten zu mästen. Ich finde solche Stellen immer wieder entlang des gesamten Habichtswaldsteigs.

Oben auf dem Berg passiere ich den Segelflugplatz. Von hier führt die Wegmarkierung zu einem Schlenker über das Café Helfensteine. Wer nicht vor hat, das Café und das angrenzende Naturparkzentrum zu besuchen, kann sich den Schlenker sparen und direkt zum Helfenstein empor steigen. Von den markanten Felsen des Gipfels (510 m) hat man einen phantastischen Ausblick auf das umliegende Land. Doch das ist nur das Vorspiel für den weiteren steilen Anstieg zum nahe liegenden Gipfelplateau des Hohen Dörnbergs (570 m). Jetzt komme ich ganz schön ins Schwitzen mit meiner gesamten Campingausrüstung im Rucksack. Doch oben werde ich mit einem weiten grandiosen Ausblick belohnt. Ringwälle in der Nähe sowie archäologische Funde zeugen davon, dass diese mystische Landschaft schon in der Steinzeit besiedelt war.

Am Herkules
Auf dem nächsten Streckenabschnitt nähere ich mich von Westen her dem Herkules, also von dessen Rückseite. Dabei geht es durch abwechslungsreiche Landschaften mit Feldern und Wäldern, vorbei am Silbersee, der tief in einen Wald eingehüllt ist und nichts mit dem Roman von Karl May zu tun hat. Dann ist es so weit und ich stehe am Herkulesschloss zwischen Selfies machenden Touristen und blicke auf Kassel hinab.

Der Herkules sollte als Statue eines kraftstrotzenden Mannes und Halbgottes der griechischen Mythologie Stärke und Macht symbolisieren. Eine Symbolik, die auf den Fürsten, der ihn erbaut hat, zurückfallen sollte. Tatsächlich setzte das Monument, welches Landgraf Karl von Hessen-Kassel im frühen 18. Jahrhundert errichten ließ, die Menschen seiner Zeit in Staunen. Und das obwohl die Anlage sogar kleiner ausfiel als ursprünglich geplant -Größenwahn eines Lokalfürsten-.
Heute würde ich den Herkules als Symbol unseres Kulturellen Erbes interpretieren. Der Bergpark, die Gemächer von Schloss Wilhelmshöhe und der Löwenburg sowie die fürstliche Gemälde- und Antikensammlung dienen heute nicht mehr der Unterhaltung und Repräsentation des Landgrafen, sondern sind für jeden zugänglich. Sie sind Teil des Weltkulturerbes, wie von der UNESCO bescheinigt.

Den meisten Besuchern der Terrassen des Herkules wird nicht klar sein, dass dieser Ort einst Schauplatz eines Kampfes war. Kassel war während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) mehrfach umkämpft gewesen. Am 21. September 1761 kam es hier zu erbitterten Kämpfen zwischen schottischen Soldaten, die den Auftrag hatten, das Gebiet um das heutige Schloss Wilhelmshöhe zu verteidigen, und französischen Infanteristen. Während des Gefechts zogen sich die Schotten immer weiter nach oben zurück bis sie aus Munitionsmangel mit Ornamenten von den Terrassen nach den französischen Soldaten warfen. Erst als ihr Hauptmann gefallen war kapitulierten sie vor der Übermacht.

Vom Herkules führt der Weg tiefer durch den Habichtswald zu einem alten verlassenen Bergbaustollen. Der Stollen aus dem 18. Jahrhundert diente zum Abbau von Braunkohle. Danach wandere ich entlang von friedlichen Lichtungen zum Herbsthäuschen und durch das Firnsbachtal bis zum gleichnamigen Dorf. Hier nehme ich ein Zimmer in einer Pension, da es keinen Campingplatz in der Nähe gibt. Nach 24 Kilometern mit starken Steigungen und vollem Trekking-Rucksack falle ich erschöpft ins Bett.

Burgen und stille Wälder
Auf der nächsten Etappe wird es etwas ruhiger, d.h. weniger Menschen sind hier unterwegs. Von Firnsbachtal wandere ich auf den Schauenberg zur Ruine der Schauenburg. Es sind nur noch wenige Grundmauern erhalten. Aber von hier oben hat man wieder einen schönen Ausblick.
Dann geht es weiter entlang stiller Wege am Waldrand zur Ruine der Burg Falkenstein. Hier sind etwas mehr Strukturen erhalten. Ein Mauerstück des Palas mit einem Fenster und der Ecksäule eines Kamins zeugen davon, dass hier einst Menschen gelebt haben. Rudolf Knappe schreibt in seinem Burgenführer: „Wann und von wem die Burg zur Kontrolle einer alten Straße erbaut wurde, ist nicht bekannt. Sie war am Anfang des 14. Jahrhunderts zerstört oder verfallen…“
Dies ist einer der Orte, an denen man versteht, warum Nordhessen das Land ist, in dem die Gebrüder Grimm die Märchen gesammelt haben. Schon in vorigen Jahrhunderten müssen solche Relikte aus vergangenen Zeiten die Phantasie der Menschen angeregt haben.

Am Abend streife ich Bad Emstal und gelange zum Campingplatz am Ortsrand von Balhorn, wo ich mein Lager aufschlage. Ca. 20 Kilometer habe ich heute hinter zurückgelegt.

Die Weidelsburg beherrscht das Land
Auf dieser Etappe wandere ich den stimmungsvollen Talgrund des Spolebachs entlang. Danach steige ich empor zur Naumburger Warte, dem Stumpfs eines Turms aus dem 14. Jahrhundert. Er ist der einzig übrig gebliebene von einst fünf die Stadt Naumburg umgebenden Warttürmen. Solche Wachtürme bzw. Warten wurden im Mittelalter rund um größere Städte errichtet, zur Kontrolle und Schutz der Handelswege, die in die Städte führten und ihre Lebensadern waren. Die Türme sicherten Passagen an markanten Stellen, wo die natürlichen Hindernisse der Landschaft oder auch die künstlich angelegten Gräben und Wälle von sogenannten Landwehren durchquert werden konnten und man Zölle erheben konnte. Einige dieser Türme sind heute noch mehr oder weniger gut erhalten. So zum Beispiel die Bockenheimer Warte in Frankfurt am Main, die Bierstadter Warte in Wiesbaden , die Erbenheimer Warte (Fort Biehler) in Wiesbaden und die Flörsheimer Warte (Nachbau) zwischen Flörsheim und Hochheim. Die letzen beiden dienten dem Kurfürsten von Mainz zur Absicherung seiner rechtsrheinischen Gebiete.

Als nächstes wandere ich durch ein Waldstück und ein langgezogenes Tal, um dann zur Weidelsburg aufzusteigen. Dies ist die beeindruckende Ruine der größten Burganlage Nordhessens. Zwei große Wohntürme stehen noch mit ihren Außenmauern und geben mit interessanten architektonischen Details Einblicke in das Leben auf dieser Burg. So z.B. mit dem eingemauerten Altar. Auch die äußeren Schalentürme sind relativ gut erhalten und lassen die Dimensionen der Anlage gut nachvollziehen.
Die Burg war immer wieder Zankapfel gewesen zwischen dem Krufürstentum Mainz und der Landgrafenschaft Hessen und wurde mehrfach belagert. Später wurde sie -wie so oft- dem Verfall überlassen.
In einem der beiden Wohntürme führt eine Treppe zu einer großen Aussichtsplattform auf dem Dach, von der man einen beeindruckenden Rundumblick auf das umliegende Land hat.

Dann beginnt ein langer Abstieg nach Naumburg, wo ich mich am Abend auf dem schön ruhigen Campingplatz einfinde. Heute habe ich 22 Kilometer zurückgelegt.

Das große Finale: der Edersee
Auf der letzten Etappe lasse ich Naumburg hinter mir und wandere ganz alleine auf einsamen Waldwegen in Richtung Waldeck. Oben auf dem bewaldeten Bergkamm zwischen Waldeck und Naumburg treffe ich auf historische Grenzsteine. Hier trafen die Grenzen verschiedene Fürstentümer aufeinander und für einen Moment stelle ich mir vor, wie vor Jahrhunderten Menschen hier zu Fuß oder mit Karren und Pferden entlang kamen um vielleicht Waren in eine andere Stadt zu transportieren.
Inzwischen setzt ein Regen ein, der mit der Zeit immer stärker wird. Ein letzter Anstieg hoch zum Ort Waldeck, dann erreiche ich durchnässt das sagenumwobene Schloss Waldeck und werde mit einem grandiosen Blick auf den See belohnt.

Viele Erzählungen ranken sich um das mittelalterliche Schloss Waldeck: ein schwedischer Ritter, der Jahrelang im Verließ ausharrte, und Gefangene, die den Brunnen gruben, zum Lohn die Freiheit erhielten und bei den ersten Schritten nach draußen erblindeten. Einige Räume der Burg kann man besichtigen und Einblicke in die düstere Geschichte erlangen, inklusive Folterinstrumente. Daneben beherbergen die Mauern ein Hotel und ein Café mit Blick auf den See. Hier lasse ich eine schöne, aber auch sehr anstrengende Tour ausklingen.
Unter mir kreuzen friedlich die Ausflugsschiffe auf dem See, der selbst auch viele erstaunliche Geschichten zu erzählen hat. Hier wurde Anfang des 19. Jahrhunderts die Eder aufgestaut. Der dadurch entstandene See verschlang ganze Dörfer. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Staumauer bei einem britischen Fliegerangriff mit einer Bombe gesprengt. Zahlreiche Menschen ertranken in der dadurch entstandenen Flutwelle.

Der Habichtswaldsteig hat mir Geschichte und Natur satt geboten. Seine Landschaften sind umwerfend schön und naturnah. Wahrscheinlich würde ich ihn bei einem zweiten Mal mit weniger Gepäck gehen, um die Wege noch mehr genießen zu können. Die Etappen haben schon eine ordentliche Länge und zum Teil auch starke Steigungen. In jedem Fall ein überaus lohnenswerter Fernwanderweg.

Meine Ausrüstung
Zum Übernachten nutze ich das Zelt Telemark 2 von Nordisc, das wahrscheinlich leichteste Trekking-Zelt auf dem Markt. Es wiegt weniger als 1 Kilo. Ich nutze die 2-Personen-Variante, da man so noch etwas Platz hat für den Rucksack hat. Die Qualität hat sich bei mir bewährt. Bei starkem Regen bliebt alles trocken. Man muss nur darauf achten, es richtig zu spannen, sonst kann das Innenzelt die Außenhülle berühren und eine Kälte- und Feuchtigkeitsbrücke bilden.

Als Matratze nutze ich die aufblasbare Isomatte NeoAir Xlite von Thermarest, die sich ebenfalls bewährt hat. Bequem, keine Kälte und leichtes Gewicht.

Mein Schlafsack ist der Phantom Spark von Mountain Hardwear. Dieser lässt sich sehr klein verpacken.

Beim Wanderrucksack habe ich gespart und das Modell von der Amazon-Eigenmarke gewählt. Der Rucksack ist preislich im untersten Segment, bietet aber Komfort, viel Stauraum und nützliche Taschen. Ein Regenschutz ist schon dabei. Der Rucksack scheint mir solide verarbeitet zu sein und ließ sich gut tragen. Allerdings knarzt er bei mir beim Gehen. Dies könnte sich mit der richtigen Einstellung des Rückenteils beheben. Bei dem Preis war es für mich tolerierbar.

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