Wie das Ende von Game of Thrones von der deutschen Geschichte inspiriert ist

Die Sieben Kurfürsten wählen Heinrich VII. zum König. Miniatur aus der Bilderchronik Heinrichs VII. (Codex Balduineus).

Das Lied von Eis und Feuer, oder das Spiel der Throne, ist eine Geschichte, die Millionen Menschen bewegt hat. Der Erfinder dieses Epos hat sich zahlreicher Motive aus der Geschichte bedient. In der letzten Staffel sogar besonders aus der deutschen Geschichte. Warnung: dieser Artikel enthält Spoiler, wenn du die achte Staffel von Game of Thrones noch nicht gesehen hast.

George R.R. Martin muss ein gebildeter und geschichtsbewusster Mann sein. Das von ihm verfasste Fantasy-Epos vom Lied von Eis und Feuer enthält zahlreiche auffällige Parallelen zur Geschichte Großbritanniens. So ist das Land Westeros schon geografisch Großbritannien sehr ähnlich. Von allen Seiten von Wasser umgeben, gibt es einen kälteren nördlichen Teil und einen gemäßigteren südlichen Teil. Von den schneebedeckten Gipfeln der schottischen Highlands bis zu den Palmen Cornwalls ist Westeros auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden von den britischen Inseln. Die große Mauer im Norden von Westeros ist die gedankliche Weiterentwicklung des Hadrianswalls, den die Römer einst an der Grenze zu Schottland errichteten. Wie die große Mauer die Wildlinge fern hält, so sollte der Hadrianswall die Barbaren fern halten.

Auch die Fürstenhäuser Westeros‘ mit ihren prächtigen Wappen scheinen klar von den britischen Adelsdynastien inspiriert zu sein. Wie die Fürsten von Westeros erbittert um den Eisernen Thron kämpfen, so fochten auch die britischen Fürstenhäuser in blutigen Bürgerkriegen um die englische und schottische Krone. Mordanschläge gegen Könige, Bischöfe, Familienangehörige und sogar Kinder sind leider kein reines Fantasy-Produkt, sondern füllen die Geschichtsbücher der britischen Geschichte. Auch die hinterhältige Bluthochzeit musste sich Martin nicht komplett ausdenken, gab es doch einen ganz ähnlichen Vorfall unter den schottischen Clans.

In der letzten Episode von Game of Thrones leben schließlich verschiedene Motive der deutschen Geschichte wieder auf. Hier folgt die Serie allerdings nicht mehr den Buchvorlagen, da der Autor langsamer schreibt, als die Schauspieler altern, und weitere Bände einfach nicht rechtzeitig fertiggestellt wurden.
Daenerys Targaryen zerstört zum Entsetzen ihrer Verbündeten die Stadt King’s Landing. Im Feuersturm ihres Drachen verbrennen unzählige Zivilisten. Ihr Berater Tyrion Lannister und der stets ehrenwerte Jon Snow können ihr dieses militärisch nutzlose Kriegsverbrechen nicht verzeihen. Wie auch? Wie könnte es je gerechtfertigt sein, Zivilisten zu ermorden? Die Serie transportiert hier eine ethische Leitlinie, die wir vor 80 Jahren in Europa gebraucht hätten, als alliierte Bomberflotten die deutschen Städte in Schutt und Asche bombten. Hunderttausende Zivilisten wurden in den Feuerstürmen getötet, darunter ca. 30.000 Kinder. Auch diese Angriffe richteten sich gegen die Zivilbevölkerung in einem Territorium, das von einem Tyrannen beherrscht wurde. Auch sie waren Kriegsverbrechen und hatten nicht mal einen militärischen Nutzen für die Alliierten.

Auf das Ermorden von unschuldigen Zivilisten und Kindern angesprochen, versucht Daenerys ihr Handeln zu rechtfertigen. Ihre Widersacherin Cersei Lannister habe die Unschuld der Kinder als Waffe gegen sie instrumentalisiert. Letztendlich tue sie ja alles nur, um die Menschen von der Tyrannei zu befreien. Ähnlich wie Churchill und Roosevelt hat Daenerys ein Glaubwürdigkeits- und Ethikproblem. Wer befreien will, darf nicht zu den gleichen grausamen Mitteln greifen wie der Tyrann. Oder heiligt der Zweck jedes Mittel? Dann hätte auch der Tyrann eine Rechtfertigung für seine Tyrannei.

Im weiteren Gespräch mit Jon Snow macht Daenerys deutlich, dass sie auch alle anderen Bewohner Westeros‘ „befreien“ will. Sie wolle ja allen Gutes bringen. Der findige Jon Snow fragt darauf hin, was denn sei, wenn die Menschen eine andere Auffassung davon haben, was „gut“ ist. Daraufhin antwortet Daenerys, dass den Menschen keine Wahl darüber zustünde. Sehr bequem. Dieser geniale Dialog zeigt das Grundproblem jeder Diktatur auf. Es besteht nämlich immer die Gefahr, dass ein Fanatiker an die Macht kommt. Hitler war auch davon überzeugt, dass er den Menschen Gutes bringt. In seinem Weltbild waren die Deutschen ein von dunklen Mächten bedrängtes und unterdrücktes Volk, das er zu dem ihm zustehenden Platz in Freiheit in der Welt führt. Wer sich dieser aus seiner Sicht edlen Mission in den Weg stellte, musste ausgelöscht werden. Die Geschichte hat gezeigt: was gut ist, kann bzw. darf kein einzelner Mensch entscheiden, sondern muss in einem demokratischen Prozess abgewogen werden. Entscheidungen darüber müssen sich in einem System der Balance und der gegenseitigen Kontrollen durchsetzen. Jon Snow begreift genau das in dem Moment, in dem er mit Daenerys spricht. Um die Welt zu retten, bringt er die Tyrannin um, die er eigentlich liebt. Ein letzter Akt tragischer Selbstlosigkeit durch diesen von Grund auf guten und ehrenwerten Charakter.

Am Ende sind beide Tyranninnen tot und die Fürsten und Fürstinnen von Westeros kommen zusammen, um zu beraten, wie das Machtvakuum gefüllt werden soll. Die Frage nach den dynastischen Ansprüchen auf den Eisernen Thron ist zu diesem Zeitpunkt nicht leicht zu beantworten, da alle, die bisher auf dem Thron saßen, und auch deren nähere Verwandte tot bzw. in Gefangenschaft sind. Da kommt den Fürsten die deutsche Geschichte zu Hilfe. Na klar: das Wahlkönigtum. Anders als in Großbritannien und Frankreich wurde der König und Kaiser in Deutschland bis 1806 von privilegierten Reichsfürsten gewählt, den sogenannten Kurfürsten (von „küren“). Auch in Polen gab es das Wahlkönigtum, was dazu geführt hat, dass sogar mitunter Ausländer auf dem Königsthron saßen.
So soll es von nun an auch in Westeros sein. Eine kluge Entscheidung, wird doch dadurch das dynastische Gezänk auf ein Minimum reduziert. Zugegeben, auch im Deutschland des Mittelalters hat das Wahlkönigtum, die Menschen nicht davon abgehalten, um die Krone Krieg zu führen. Zeitweise gab es sogar mehrere Könige gleichzeitig, die behaupteten, der jeweils legitime König zu sein. Doch die Gefahr eines Tyrannen ist im Wahlkönigtum sicher geringer als bei der dynastischen Thronfolge.

Es bleibt nur noch die Frage zu klären, wer der zukünftige König sein soll. Hier einigen sich die Fürsten auf den überaus weisen und brillianten Vorschlag Tyrions, den körperlich gelähmten Brandon aus dem Hause Stark zum König auszurufen. Kein Kriegsheld in Rüstung soll das Land regieren und keine intrigante Prinzessin. Nein, der unprätentiöse, aber allwissende junge Bran soll das zerrüttete Königreich einen, und gütig und weise regieren. Wissen, Vernunft und Weisheit sollen von nun an herrschen, statt Schwert und Willkür.

Ein anderer Moment in der Beratung der Fürsten sollte allerdings den Zuschauern ebenfalls sehr zu denken geben. Und zwar als Samwell Tarly vorschlägt, das gesamte Volk abstimmen zu lassen, wer zukünftiger König werden soll. Der Vorschlag der Einführung der Demokratie wird von den Fürsten mit allgemeinem Gelächter quittiert. Für uns ist die Demokratie etwas Selbstverständliches geworden. Dabei ist sie noch relativ jung in unserer Geschichte. Game of Thrones wie auch unsere Geschichte haben gezeigt, wie wichtig es ist, Fanatiker fern von der Macht zu halten und stattdessen ausgewogene Entscheidungen im Interesse des Gemeinwohls zu finden. Auch in unserer heutigen Zeit gibt es Menschen mit extremen antidemokratischen Vorstellungen, die einflussreiche Positionen in unserem Staat anstreben. Deswegen ist es fundamental wichtig, unser Privileg der Demokratie zu nutzen und sich immer an Wahlen zu beteiligen.

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